Marianne - Snleika.
Eine Festrede. Linz, 2V. November 1884.
Nicht einsam wallen große Verewigte, wenn sie nur ihren Erden-laus ohne geflissentliche Abgeschiedenheit vollbracht haben, im Reicheder Schatten, sondern eine vielköpfige Schaar von Männern und Frauen,denen sie geistige und gemüthliche Anregung, Freundschaft und Liebedankten und widmeten, giebt ihnen ein unvergängliches Geleit. Wersich Goethes harmonische Herrschererscheinung andächtig vergegenwärtigt,sieht sich alsbald von anderen ungerufenen, aber durch die bloße Nennungseines großen Namens heraufbeschworenen Figuren freundlich umringt.„Wen der Dichter aber gerühmt, der wandelt gestaltet, einzeln, geselletdem Chor aller Heroen sich zu." Mit diesen Worten fleht die in derJugendblüte abgeschiedene Schauspielerin Weimars, die als Euphrosynezur Unsterblichkeit einging, ihren väterlichen Meister an, sie nicht un-gerühmt in Persephoneias Reich zu entlassen, denn nur die Muse ge-währe dem Tod einiges Leben. Doch über solche demüthige Diene-rinnen im Goetheschen Reigen, die all ihr Licht von der Sonne seinerDichtung borgen, erheben wir billig eine Frau, die, selbst mit reichenGaben der Musen begnadet, dieses Schatzes als eine bescheidene Unter-thanin des Musageten und Freundes nur im Stillen anspruchsloswaltete, den schönsten, einzigen Lohn in seinem Beifall, seiner Neigungsuchend. Diese Frau ist als kindliche Marianne Jung einem geheimenBeruf nach Frankfurt gefolgt, um dort als Marianne von Willemerihre süßen Liederklänge in die letzte große Sammlung Goethescher Lyrik,den Westöstlichen Divan, zu hauchen. Aus dem Donauthal, wo imzwölften Jahrhundert adelige Damen improvisatorisch den Sang derE. Schmidt, Charakteristiken. 21