Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
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Heinrich v. Kleist.

Eindruck des Verkommens. Selbst die treue Ulrike schauderte. Diesepersönliche Schmach schlug ihn hart; tödtlicher noch traf ihn der Schimpfeines Bündnisses zwischen Preußen und Frankreich. Ingrimmig lehnteer die angebotene Rückkehr in die Reihen der Armee ab und fragteseine Vertraute, die Cousine Marie:Was soll man doch, wenn derKönig diese Allianz abschließt, länger bei ihm machen?" Und wieder,nun aber mit unabweislicher Gewalt, packte ihn sein seltsames Gelüst,die fixe Idee eines Todes zu zweien. Pfuel, Fouque, das Frl. vonSchlieben hatten ihm die Gefolgschaft versagt eine krankhaft über-spannte Berlinerin, die er durch A. Müller kennen gelernt, FrauAdolfine Henriette Vogel, fand sich willig, ihn auf dem letzten Gangzn begleiten. Ihr Briefwechsel stellt uns zwei Unglückselige vor Augen,denn wer könnte lachen, wenn der Dichter desKäthchen von Heil-bronn" wahnwitzige Koseworte verschwendet wie:Mein Jettchen, meinHerzchen, mein Liebes, mein Täubchen, mein Leben, mein liebes süßesLeben, mein Lebenslicht, mein Alles, meine Schlösser, Acker, Wiesenund Weinberge, mein Herzblut, meine Eingeweide, mein Weib, meineHochzeit, die Taufe meiner Kinder, mein Trauerspiel, mein Nachruhm".Wer könnte lachen, wenn sie, in deren hysterischen Unsinn auch mystischerSchwulst verwoben ist, ihm antwortet:Mein Heinrich, mein Süß-tönender, mein Hyazinthenbeet, meine Aeolsharfe, meine Wiedergeburt,mein Sabbath, mein theurer Sünder, meine Himmelsleiter, mein zarterPage, mein Schmeichelkätzchen, mein Herzensnärrchen, meine Syrings-flöte, meine Dornenkrone". Aber dem lockenden Buhlen Tod schrittensie heiter und unheimlich klar in dem Einen Gedanken entgegen. BeimKrug zum Stimming in der Nähe von Potsdam erschoß Kleist am21. November 1811 Henrietten und sich.

So endete ein glücklich unglücklich begabter Mensch, der mistrauischgegen andere, mistrauisch gegen die eigene Kraft, doch nur das Aller-höchste als Ziel schaute; eine vulcanische Natur, die nach außen still undverlegen erschien; ein Ehrgeiziger, der sein Vaterland nicht danieder sehenkonnte, aber auch sich selbst nicht. Seine ungeheure Originalitätssucht,die Sophokles, Shakespeare und Goethe zugleich in die Schranken rief,rang sich an titanischen Aufgaben müde. Dann knirschte der jäh sinkendeHimmelstürmer:Die Hölle gab mir meine halben Talente; der Himmelschenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins."