Buch 
Charakteristiken / von Erich Schmidt
Entstehung
JPEG-Download
 

866

Heinrich v. Kleist.

denn wie sollte die Erdgeborene sich nicht als andächtige, ergebeneMagd vor der olympischen Botschaft neigen, die sie glanzwerfend indie Schaar aller Götter einporzieht?

Nimmst du die Welt, sein großes Werk, Wohl wabr?

Siehst du ihn in der Abendröthe Schimmer,

Wenn sie durch schweigende Gebüsche füllt?

Hörst du ihn beim GesLusel der GewässerUnd bei dem Schlag der üpp'gen Nachtigall?

Verkündet nicht umsonst der Berg ihn dir,

Gethürmt gen Himmel, nicht umsonst ihn dirDer felszerstiebten Katarakten Fall?

Wenn hoch die Sonn' in seinem Tempel strahl»

Und, von der Freude Pulsschlag eingeläutet,

Ihn alle Gattungen Erschaffner preisen,

Steigst du nicht in des Herzens Schacht hinabUnd betest deinen Götzen an?

Und der Gott wirbt um Liebe:

Du wolltest ihm, mein frommes Kind,

Sein ungeheures Dasein nicht versüßen?

Ihm deine Brust verweigern, wenn sein Haupt,

Das weltenordnende, sie sucht

Auf ihren Flammen auszuruhen? Ach Alkmene!

Auch der Olymp ist öde ohne Liebe.

Was giebt der Erdenvölker Anbetung,

Gestürzt in Staub, der Brust, der lechzenden?

Er will geliebt sein, nicht ihr Wahn von ihm.

Das ist nicht der Pariser König Jupiter mehr, nicht die Alkmene derFabula Rhinthonica, nicht der betrogene Amphitruo des Plautus, son-dern, indem die alte frevle Verwechslungsposse mit Weihwasser besprengtwird und das Heidnische mit der katholischen Anschauung von MariaEmpfängnis eine mystisch-romantische Ehe schließt, es ist die göttlicheZeugekraft, Alkmene-Maria, Amphitryon-Joseph. Kleist reicht Novalisund Werner die Hand, und Adam Müller frohlockte über diese neuesteOffenbarung. Absichtlich wird in der völlig umgeschmolzenen Schluß-scene die Verkündigung des französischen Jupiter dem Bibelwort mög-lichst angeglichen:Dir wird ein Sohn geboren werden, deß NameHercules!"