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Hundertunddrittes Kapitel.
den Späßen Scapins den Verfasser des „Misanthrop" nichtwiedererkennen. Mit höchster Schärfe und Bestimmtheit trittBoileau der Mittelmäßigkeit in der Kunst gegenüber: tausend-mal besser ein guter Maurer, als ein schlechter Dichter zu sein,in der schwierigsten Kunst „zu reimen und zu schreiben" trenntkaum eine Stufe das Mittelmäßige vom Schlechtesten; mit sitt-licher Entrüstung vertritt er die Unabhängigkeit der Muse vonbuchhändlerischer Spekulation. . Er weiß, daß auch ein edlerGeist ohne Schande und Unrecht einen legitimen Gewinn vonseiner Arbeit ziehen kann, aber er muß die Autoren verachten,deren Inspiration dem Honorar eines Verlegers entstammt, undwelche eine göttliche Kunst zu einem Tagelöhnerhandwerk er-niedrigen. Er mahnt die Dichter: „arbeitet für den Ruhm!"und preist enthusiastisch den erlauchten Beschützer, welcher denTalenten seiner Zeit freie, sorglose Muße mit königlicher Frei-gebigkeit gewährt und dazu Thaten vollbringt, die eines neuenVirgil harren.
Boileaus Lehrgedicht setzt die stärkste Wechselwirkung zwi-schen Litteratur und Gesellschaft voraus, und in der begeistertenHuldigung an König Ludwig zeigt er, daß er in letzter Instanzsehr wohl weiß, daß die Dichtung bessere Anregungen vom Lebenals von der Antike empfange. Es ist zu gleicher Zeit ein Zeug-nis dafür, wie fest und bestimmt er die Ideale seiner Zeit er-griffen hat, und wie begrenzt und im Grunde nach einer einzigenRichtung hin ausgiebig ebendiese Ideale waren. GeistreicheBestimmtheit, Ordnung, Klarheit, formelle Durchbildung sollenim Vers wie in der Prosa, in der Dichtung wie in der Wissen-schaft allherrschend sein, und nur gelegentlich verrät das Lehr-gedicht durch eine Wendung, daß dem poetischen Ästhetiker dasBewußtsein innewohnt, daß die Dichtung, dartzber hinausgehend,außerdem manches besitzen müsse. Boileau, welcher so energischjede Mittelmäßigkeit bekämpfte, ahnte nicht, daß er mit seinerTheorie den Versuchen und Leistungen zahlloser Poeten Bahnbrach, die in allem, außer dem Stil, der sprachlichen Sorgfalt undFeinheit, mittelmäßig waren; er, welcher in reiner Überzeugungund um die Unabhängigkeit der Dichter sicherzustellen, das Mäce-natentum Ludwigs XIV. feierte und die französischen Talente andie Gunst des Königs wies, sah schwerlich voraus, in welche neueschmerzliche Abhängigkeit eine Reihe hervorragender Naturenhierdurch geraten sollten. — Wie er in seiner Poetik die festen