Band 
Vierter Band
JPEG-Download
 

Die französische Schule in der deutschen Dichtung.

249

ersten Schritte schüchtern und in gewisser Weise höchst unbe-holfen. „Lesen wir heute", sagt Hettner zutreffend, „die Schrif-ten von Elias Schlegel und Zachariä, selbst von Rabener undGellert, so scheinen sie freilich von ihren Vorgängern nichtweit abzuliegen. Es ist hier nichts von jener Kraft und Lei-denschaft, von jenem kriegerischen, herausfordernden, oft mut-willigen und übermütigen Vordringen, das sonst siegende Neue-rungen so anziehend macht. Nur leise und sehr allmählichpocht der mildere Frühlingshauch an die starre Eisdecke. Wiehätten sich auch auf diesen trägen und stumpfen Lebenszu-ständen tiefe und rasche Umwälzungen vollziehen können! Staatund Gesellschaft waren unverändert dieselben geblieben; keinegroße That, kein großes Ereignis, geeignet, große Empfindun-gen in die Gemüter zu werfen. In Denkart und Sitte zwardie Anfänge freierer und frischerer Regung, aber erst werdendund ringend, noch nicht zu fester, greifbarer That und sinnlicherErscheinung herausgestaltet. Daher auch hier nur trockne, mo-ralisierende Lehrhaftigkeit. ,Der Gottheit Herold sein, der Tu-gend'Ruhm erheben, dem Schweren unsrer Pflicht ein reizendAnsehn geben, das Volk, das irre geht, vom falschen Wahnentfernen, nach sichern Zwecken gehn und edler denken lernen,das muß der Dichter thun, den Recht und Einsicht adeln.' Unddaher auch hier in den Hähern Dichtarten, wie besonders imDrama, nur schüchterne und höchst mangelhafte Versuche; da-gegen nach wie vor das entschiedenste Überwiegen der Fabel undSatire." („Deutsche Litteraturgeschichte des 18. Jahrhunderts",3. Aufl., 1. Buch, S. 891.)

Als Gesamtheit und nach ihren Schöpfungen und litterari-schen Anschauungen betrachtet, standen die Bremer Beiträgerdurchaus noch im Bann der französischen Litteratur. Keinervon ihnen wünschte das, was ein Jahrzehnt zuvor durch Gott-sched errungen worden war, wieder auf- oder preiszugeben, dieäußere Korrektheit und formelle Eleganz blieben auch Ebert,Zachariä, Schmid und Giseke, wie Gellert und Rabener, deneigentlichen Koryphäen des jüngern Kreises, ein erstrebenswer-tes Ziel. Aber sie faßten die Vorbildlichkeit der französischenLitteratur in einem weitem und verständigern Sinn als Gott-sched auf. Nicht nur, daß sie auf poetische Produktion an Stelleder Erörterung, auf Leistungen statt der unablässigen Programmedrangen, mit denen die deutsche Litteratur überschwemmt wurde,