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Vierter Band
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HundertemundzwLnzigsteS Kapitel.

nicht schlechthin mit einigen verwerfenden Worten abzuschätzen,und innerhalb eines gewissen, allerdings sehr eng gezogenen Krei-ses läßt sich Voltaire eine Art poetischer Wirkung nicht absprechen.

Selbst als Lyriker hat der Vielseitige und Vielgewandte einGebiet besessen, auf dem er zur Vollkommenheit gediehen ist.In der leichten Gelegenheitsdichtung, in jenem anmutigen Spielder französischen Galanterie, in jenen Huldigungen, die nicht Liebesind, aber an Liebe streifen, jenen plaudernden, scherzenden Be-sprechungen geselliger Vorgänge, jenen gewandten Neckereien, jenenErinnerungen an gute Tage des Lebens, durch die ein Hauch vonSentimentalität weht, in jenen verbindlichen Aufmerksamkeitenfür hervorragende Männer und Frauen, an denen die alte fran-zösische Gesellschaft so reich war und deren klarer, heiterer undgewandter Ausdruck für eine Hauptaufgabe der Poeten galt, istVoltaire ein Meister. „Daß in seinen Gedichten an fürstlichePersonen keine Spur sei, daß er je die Linie der Konvenieuzüberschritten habe", wie die Kaiserin von Österreich wiederholtgegen Goethe gerühmt (Eckermanns „Gespräche mit Goethe", Bd.2, S. 49), ist dabei noch das wenigste, obschon man das be-rühmte Gedicht Voltaires an die Prinzessin Amalie vonPreußen als ein Muster von anmutiger unverhüllter Huldigungund taktvollem Einhalten der Grenzen zugleich bezeichnen darf.Aber in der großen Reihe der geselligen GelegenheitsdichiungenVoltaires finden sich einzelne von höchstem Reiz und entschiede-ner Unmittelbarkeit, unter denen „Sie und Du" („Uss Vous stIs» Iwfi immer den Preis vor allen erhalten hat.

Voltaires Lehrdichtungen kleinern und größern Umfangsstehen natürlich durchaus unter der Herrschaft seiner Tendenzund verleugnen nur selten den Popularphilosophen oder auchden Pamphletisten, der das Bedürfnis hat, sich in der zu je-ner Zeit noch allbeliebten und wirksamen Versform auszu-sprechen. Unter denselben befindet sich eine Gruppe, welche imganzen die Abhängigkeit des Schriftstellers von den Gedankenund Überzeugungen der Engländer bekundet. Stärker» Einflußselbst als das Studium der englischen Freidenker muß der per-sönliche Verkehr mit Bolingbroke gehabt haben, denn die Ge-danken und Lieblingsvorstellungen gerade dieses Skeptikers tre-ten in didaktischen Dichtungen, wie „Das Naturgesetz"(„Iwems sur 1» loi riLtui-sllv", 1751; erster Druck 1756), welchesVoltaire in Berlin und Potsdam schrieb und König Friedrich zu-