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Viertes Kapitel.
Der erste Akt. — Die Aermlichkeit der Bühne und die PraLt der Dichtung. —Wolfey. — Heinrich VIII. — Anna Boleyn.
Hur wer die Freunde, die Gönner, die Umgebung Shakespeare'skennt, mit ihnen gelebt hat, vermag seine Werke ganz zu verstehen;denn noch kein Mann von Genie lebte getrennt von seiner Natio-nalität und den Sitten seiner Zeit.
Wie vermag derjenige, welcher die Höflinge am Hofe der Kö-nigin Elisabeth nicht schwatzen hörte, die in den Stücken Shake-speares auftretenden Gecken und die komischen Karaktere seinerLustspiele richtig zu würdigen? Alles was an den Gesprächen dieserPersönlichkeiten roh, geistreich, eigenthümlich hervortretend ist, ge-sucht erscheint, wird verständlich, sobald man sich nur für einenAbend unter seine gewöhnlichen Zuhörer versetzt. Ihre Kleidung,ihre Sitten, ihre Gewohnbeiten machen uns ihre Ideen ganz ver-ständlich und dieses Verständniß erklärt wiederum den Jdeengangdes Dichters. Jean Paul sagt mit der ihm eignen Schärfe desGeistes:
„„Ihr, die ihr die Werke der Kunst begreifen„„wollt, geht und beobachtet die Menge, welche sie