der auf, jedes schöner als das Original. In dieserForm würden Homer und Platon ihre eigenen Werke mitgrößerer Freude lesen; und ihre Scholiastcn müßten denArbeiten unserer westlichen Herausgeber den Preis zu-erkennen.
Vor der Wiederbelebung der klassischen Li-Nutzm und teratur waren die Barbaren von Europa inMißbrauch Unwissenheit versunken, und ihre Volksspra-Litcratür. chen trugen das Gepräge der Rohheit und Ar-muth ihrer Sitten. Diejenigen, welche dievollkommneren Sprachen Roms und Griechenlands stu-dirten, wurden in eine neue Welt des Lichtes undWissens, in die Gesellschaft feiner und gebildeter Völ-ker des Alterthums und zu vertrauterem Umgänge mitjenen unsterblichen Männern eingeführt, welche die er-habene Sprache der Beredsamkeit und Vernunft gere-det haben. Ein solcher Verkehr mußte aus Veredlungdes Geschmackes und Erhebung des Genius der Neuerenzielen, und doch möchte es nach den ersten Erfahrungenscheinen, daß das Studium der Alten dem menschlichenGeiste eher Fesseln angelegt als Flügel verliehen habe.Der Geist der Nachahmung ist, wie löblich immer, dochknechtischer Art, und die ersten Schüler der Griechenund Römer waren eine Kolonie von Fremdlingen in Mitteihres Jahrhundertes und Vaterlandes. Der in das Ein-zelne dringende und mühsame Fleiß, der die Alterthümerfernerer Zeiten erforschte, möchte den gegenwärtigen Zustandder Gesellschaft veredelt und geschmückt haben: damalsaber waren die Kritiker und Metaphysiken die Sklaven desAristoteles; die Dichter, Geschichtschreiber und Rednersetzten einen Stolz darein die Gedanken und Worte desaugusteischen Zeitalters zu wiederholen; die Werke derNatur wurden mit den Augen des Plinius und Theo-phrastus studirt; und einige Verehrer der Heiden be-kannten insgeheim eine religiöse Vorliebe für die GötterHomers und Platons Die Italiener wurden durchdie Macht und Zahl ihrer Verbündeten der alten Zeiterdrückt; eine Schaar lateinischer Nachahmer, welchejetzt bescheiden aus unseren Vücherbrctern ruhen, fülltedas Jahrhundert nach Petrarkas und Bokkaccios Tode,und es wird nicht leicht sein in dieser Epoche des Ler-nens eine wirkliche wissenschaftliche Entdeckung, einWerk der Poesie oder Beredsamkeit in der Volkssprachedes Landes zu finden °). Sobald es aber mit demhimmlischen Thaue tief gesättigt worden war, entsprangdem Boden Ueppigkeit und Leben; die neueren Spra-chen wurden verfeinert; die Klassiker von Athen undRom flößten reinen Geschmack und hochherzigen Wett-eifer ein; und in Italien folgten, wie später in Frank-
reich und England, auf das liebliche Reich der Poesieund Dichtung das Licht der spekulativen und der Erpe-rimcntalphilosophie. Der Genius mag der Zeit derReife vorauseilen; aber in der Erziehung eines Volkes,eines jedes Einzelnen muß zuerst das Gedächtniß geübtwerden, bevor die Kräfte der Vernunft und Phantasieerweitert werden können, und der Künstler darf nichteher hoffen, die Werke seiner Vorgänger zu erreichenoder zu übertreffen, als bis er gelernt hat sie nachzuah-men.
Siebenundsechzigstes Kapitel
Schisma bcr Griechen nnb Lateiner. — Regierung und NarEcrÄmuralhs des Zweiten. — Kreuzzug dcö Königs Lndislaus renUngarn. — Seine Niederlage und sein Lad. — Johannes Huuva-di.— Skanderbeg. — Konstantin Paläologus, der lebte Kai-ser des Dstens.
Die gegenseitigen Vorzüge Roms und B-rgle-chungKonstantinopels sind von einem beredten Grie- Konkanki-chen, dem Vater der italienischen Schulen, ver- n-rei.glichen und gepriesen worden**). Der Anblick der alten Haupt-stadt, des Sitzes seiner Ahnen, übertraf die gespanntestenErwartungen Emanucls Chrysoloras, und er tadelte nichtmehr den Ausruf eines Sophisten, daß Rom die Ruhestättenicht von Menschen, sondern von Göttern wäre. DieseGötter und diese Menschen waren seit langer Zeit hinwcg-geschwunden, aber für den Blick edler Begeisterung riefdie Majestät ver Ruine das Bild ihrer ehemaligen Größezurück. Die Denkmäler der Konsuln und Kaiser, der Mär-tyrer und Apostel fesselten allenthalben die Wißbegierde desPhilosophen und Christen, und er bekannte, daß in jedemZeitalter die Waffen und Religion Roms bestimmt wärenüber die Erde zu herrschen. Während Chrysoloras dieehrwürdigen Schönheiten der Mutter bewunderte, ver-gaß er aber seiner Vaterstadt, ihrer schönsten Tochter, ihrerkaiserlichen Kolonie nicht; und der byzantinische Patriotverbreitet sich mit Wärme und Wahrheit über die ewigenVortheile der Natur und über den vergänglichen Schim-mer der Kunst und Herrschaft, welcher die Stadt Kon-stantins schmückte oder geschmückt hatte. Indessen gereichtstets die Vollkommenheit der Kopie (bemerkt er bescheiden)dem Originale zur Ehre, und Aeltern finden Vergnügendaran durch das überlegene Verdienst ihrer Kinder ver-jüngt, ja sogar übertroffen zu werden. „Konstantino-pel," sagt der Redner, „liegt an einem herrschendenPunkte, zwischen Europa und Asien, zwischen dem Archi-pelagus und schwarzen Meere. Durch seine Iwischenlagesind die beiden Meere und die beiden Festlande zum ge-meinsamen Besten der Nationen verbunden, und die
erste griechische Buch, die Grammatik des Konstantin Loskoris, zuMailand im Jahre 1476 gedruckt wurde, und daß der florentimscheHomer von 1488 die ganze Pracht der typographischen Kunst entfaltet.S. die von Mattaire und die LidlioArApjüe
lustructive des de Bure, eines kundigen Buchhändlers von Paris.
d) Ich hebe drei merkwürdige Beispiele dieses klassischen Enthusias-mus aus. 1. Auf der Kerchenoersammlung von Florenz sagte Ge-misthus Pletho im vertrauten Gespräche zu Georg von Trebifond,daß daß Menschengeschlecht in kurzer Zeit für eine der heidnischenähnliche Religion auf das Evangelium und den Koran einstimmigVerzicht leisten werde (Leo Allatius, bei Fabricius, tom. X. p. 751).2. Paul II. verfolgte die römische Akademie, welche von PomponiusLätus gegründet worden war, und die vornehmsten Mitglieder wurdender Ketzerei, Gottlosigkeit und des Heidcnthumes beschuldigt (Tl-raboschi, tvm. VI. 1». I. p. 81. 62). 3. Im folgenden Jahrhundertefeierten einige Gelehrte und Dichter in Frankreich den Erfolg derTragödie Kleopatra von Jodelle durch ein Bacchusfest, und wie es
heißt, auch durch das Dpfer einer Ziege (Bayle, vietiormsire, .lo-che iie. Fvntenelle, tom. 111. p. 56—61). Der Geist der Dumm-frömmigkeit mochte oft in dem scherzenden Spiele der Phantasie undGelehrsamkeit ernste Gottlosigkeit zu entdecken glauben.
e) Bokkaccio starb 1375, und wir können die Abfassung des mor-ßantv l>lL88>ort; von Pulci und des vrlrmcho lna.morki.to von Boyardonicht vor das Jahr 1480 setzen (Tiraboschi, tom. Vt. L>. H. l>- 174
a) Das Schreidon des Emanuel Chrysoloras an den Kaiser Jo-hann Paläologus wird das Auge oder Dhr eines Kenners der klat-schen Literatur nicht verletzen (sck ostom ('ollim äe Hutiquitutibusc. r>. 167—126). Die Uebcrschrift veranlaßt zu der chronologtschen
Bemerkung, daß Johann Paläologus II. dem Throne vor dem Jahre1414, in welchem Chrysoloras starb, beigesellt wurde. Ein noch frü-heres Datum, wenigstens 1408, ergiebt sich aus dem Alter feiner jüng-sten Söhne Dcmetrius und Thomas, welche Beide l'vrplyrvseititi wa-ren (Dukange, kam. Lorant, x. 244. 247).