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9-10 (1828) Briefe, das Studium der Theologie betreffend / J. G. v. Herder
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436
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Brief«

Du bist mein Vielgeliebter!" So verstand fle Chri-stus: denn sogleich nach der Taufe suchte er-nicht den Konigspallast, sondern die Wüste, sichzum Propheten zu weihen mit Fasten und Beten:und ebendahin führte ihn der Geist: derselbeGeist, der bei der Taufe auf ihn herab kam undalso doch der Geist vom Zwecke seines Lebens seynmußte. Der Vetter hatte es also vor der Handübel ausgedacht, daß er die Stimme nichts an-ders sagen ließ und keine andere Erscheinung auS-sann; sie accrcditirte Christum gar nicht zu demZweck, in dem er sich nach des Volkes Wahn alsMessias darstellen mußte. Und welche Kühnheit ist«ndlich dies erdichtete Complot, zu dem doch keinSchalte vom Schatten in der Geschichte vorhandenist! Was half denn Christo die ganze Lüge derhimmlischen Taube zu einem KönigSsceptcr? Hat-te er sie auch auf dem Kopf mit sich getragen; da-bei aber den Geist, der ihn beseelte, den Cha-rakter eines Vielgeliebten Gottes, der umihn, wie Grazie, floß, nicht thätlich in seinerPerson gezeiget: so war ja die Lüge belachenswerth.

Sehen wir die Geschichte abermals, wie siedasteht, in ihrer unschuldigen Bescheidenheit vonSeiten Jesu, Johannes, des wunderbaren Sym-bols selbst, nebst allem, was vorgieng und folgte;welch einen gegenseitigen Sinn verräth sie, als je-ne Betrugsgeschichte dichtet! ,,Ein Gottes-Lamm,das die Sünden der Welt tragt !" das war Johan-nes erste Ansicht, sein erster Wink und Blick aufJesum. Himmlischen Geist erkannte er inihm, zu dem alle seine (Johannes) Gaben nur