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Briefe,
durch Reden, Paraphrasen und Disputiren nichtverbessert werden. Die Arznei ist kleiner als dieKrankheit.
Es giebt mancherlei Krankheiten im menschli-chen Wissen: eine Schminkgelehrsamkcit, eine Zank-gelehrsamkeit, und ganze Wissenschaften voll Mei-nungen und Falschheit. Es giebt auch böse Säftedes menschlichen Wissens: eine unmäßige Liebe zumAlterthum oder zur Neuheit; Mißtrauen in denmenschlichen Verstand, daß alles schon erfunden seyund nichts mehr erfunden werden könne, oder eineLoSsprechung und Gutheissung aller Meinungen,Ketzer und Sekten-u. f.
Einige suchen in der Wissenschaft ein Ruhebett,auf dem ihr brausender Geist fchlummre. Andreeinen Thurm, von dem sie hochmüthig Herabschauen.Andre eine Burg, worin sie streiten. Andre eineWerkstatt und Bude, worin sie Handwerken, ver-kaufen, verdienen. Wenige suchen in ihr die reicheSchatzkammer, das große Rasthaus Gottes zu sei-ner Ehre und der Menschen Wohlfahrt.
Vorzeitige kecke Systemensucht schadet der wah-ren Wissenschaft gänzlich. Sobald dcS JünglingsGlieder und Lineamente ausgebildet sind, wachseter nicht mehr. So lange die Wissenschaft inAphorismen und Beobachtungen ausgestreuet ist,kann sie wachsen: von der Methode umzäunt undumschlossen, kann sie etwa erläutert, gefeilt, zumGebrauch bequem gemacht werden, an Gehalt abernimmt sie nicht mehr zu. Ist sie in Klassen undHandwerke gebracht: so lebe wohl, allgemeine