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9-10 (1828) Briefe, das Studium der Theologie betreffend / J. G. v. Herder
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an Theophron. 265

Als Deutschland die Ketten des Papstthumsbrach; was hatte es für Recht dazu? Das Rechtder Menschheit, Freiheit. Nicht weil derFürst es wollte, reformirte Luther; oder er wärein Sachen der Religion ein schlechter Reformatorgewesen, der alte Wahrheiten und Auslegungen,über die der Fürst nichts ordnen konnte, aus Skla-vengewalt aufhob. Er reformirte, weil ihn Gewis-sen und Ueberzeugung trieb: und die Fürstenließen reformircn, theils weil sie auch überzeugtwaren, theils weil sies, wie es die Vorsicht ihresAmts erforderte, politischgut fanden. DerMensch, der im Lutherthum oder in einer prote-stantischen Kirche, Gewissen und klare Ueberzeugungaufheben will, ist der ärgste Anti - Lutheraner.Er hebt das Principium der Reformation, ja allergesunden Religion, Glückseligkeit und Wahrheit,nehmlich Freiheit des Gewissens auf; erverdammet Luther, alle seine Gehülfen, alle freie,wahre Männer der Vorzeit, in ihren Gräbern.

Auch lassen sich hier keine äußere Clausurensteckenso weit soll die Freiheit gehen und weiternicht." Wahre Freiheit muß sich von innenselbst beschranken. Und wahrlich sie beschränkt sichschärfer als alle Clausuren, weil sie nur aus in-nig st e r. Ueberzeugung , nach Wahl und Prüfungdes Besten handelt. Von äußern Beziehun-gen, Pflichten und Obliegenheiten ist hier nicht dieRede; sondern von innerer Natur der Wahrheit.

Aber, wie diese geäußert werden? stehtda nicht der Fürst, der Stand, das Amt entge-