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9-10 (1828) Briefe, das Studium der Theologie betreffend / J. G. v. Herder
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selten so beschaffen sind, wie sie ihr künftiges Amtfordert. Sie haben vielleicht viel Unzweckha fi-tes, vielleicht auch gar ihrem zukünftigen StandeWidriges, nur nicht immer das Nutzbare ge-lernt, das doch allein dem Znfeck ihres Studiumsgemäß war. Ost haben sie gar, was sie auf demGymnasium lernten, auf der Universität verlernt,und eine Gestalt angenommen, in welcher man denehmals Hoffnung gebenden Gymnasiasten kaum mehrerkennet. Diese Erfahrung auszumahlen, wäre sonutzlos als traurig; genug! daß junge Leute, wiesie von der Akademie kommen, wenn sie sich mitdiesem srndltns theologischer Seien; plötzlich in ihrAmt versetzt sahen, sich in einer neuen andern Weltfinden müßten, wo sie wenig von dem brauchenkönnten, was sie gelernt, und vieles nicht gelernthatten, was sie brauchten; diese Disparate wirdschwerlich jemand läugnen mögen. Und nun

2) tritt eine andre Erfahrung hinzu, näm-lich, daß kein Ort sey, wo sie es lernen können.Der Jurist, der Arzt eilt zu seinem Geschäft durchpraktische Uebung; der Theolog bleibt sich selbstüberlassen, fast ohne Aufsicht. Er wird Kinderleh-re! oder studirt für sich allein. Keine wohlthätigeHand, die ihn leite, die das, was in ihm ver-schraubt ist, zurecht lenke, die ihn fortbilde, dieihn durch Uebung zum Manne mache, der erwerden soll. Dazu keine Einrichtung, keine An-stalt! Die Gemeinen bekommen Lehrer, Aufseher,Führer, welche die Vorsteher der Kirche nie Gele-genheit genug gehabt haben, kennen zu lernen;noch weniger sind sie im Stande gewesen, sie wah-