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11-12 (1829) Christliche Schriften / J. G. v. Herder
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Von Religion;

zusehen, der boshaft fehlte. Bei besseren Erkannt-niß der Wahrheit aber findet keine Jndulgcnz statt;jede Sünde hat ihren Lohn empfangen und empfangtihren Lobn; freventlicher Irrthum strafet sich ebenso wohl als freches Laster.

Zweiter Einwurf.

Hat aber Christus nicht Diener bestellt, dieSünde vergeben und Sünde behalten?" Ja, undkönnen wir die Absicht dieser menschenfreundlichenAnordnung nur Einen Augenblick verkennen? Ebensie wars, die jene Knechtsgewohnheit einer Sünden-büßung vor Priestern durch die Substitution einesFremden völlig entfernen sollte; fie verwandelte dastodte Amt des Buchstabens in ein lebendiges Amtdes Geistes.

Denn wer sollte fortan Sünde vergeben? StattGottes Menschen, Menschen voll heiliges Geistes,Brüder. Nach dem Geist, der in ihnen war, soll-ten sie über brüderliche Vergebungen menschlich d. i.gewissenhaft urtheilen, also auch Rath geben, diemoralische Ueberzeugung ihrer Brüder stärken undsie zu eigner Sicherheit führen. Richt über denWolken sollte man Trost und Belehrung suchen,sondern bei Menschen; bei Menschen, die Schwach-heit kennen, weil sie selbst Schwachheiten haben,in denen aber der Geist, d. i. ein unbestochenesGefühl der Wahrheit spräche. Diese sollten auf-