Band 
[Adrastea I & II.]
Seite
289
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„Die meisten Prinzen haben eine besondre Lei-denschaft für die Stammbäume; eine Art Eigenliebe,die bis auf die entferntesten Vorfahren hinaufsteigt,fa die sie nicht nur für Vorfahren in gerader, son-dern auch in jeder Seitenlinie interessiret Ihnensagen, daß unter ihren Ahnen schlechte, mithin ver-ächtliche Menschen gewesen, hieße ihnen ein Schimpf,den sie nie verzeihen; und wehe dem profanen Autor,der in das Heiligthum ihrer Geschichte verwegendränge, und die Schande ihres Hauses unter dieLeute brächte! Wenn diese Delikatesse sich blos aufden guten Ruf ihrer Ahnen mütterlicher Seit-erstreckte, so wäre er noch zu entschuldigen; aber«erlangen, daß fünfzig, sechzig Vorfahren, alle nachder Reihe, die honnetsten Menschen von der Weltgewesen seyn; das heißt die Tugend in Eine Fami-lie bannen, und dem menschlichen Geschlechte Un-recht thun. Eines Tages hatte ich die Unbedacht-samkeit, in Gegenwart Jemandes zu behaupten,daß ein Herr von — so etwas gethan habe, das ei-nem Cavalier nicht gezieme; unglücklicher Weise wardieser Herr von — zweites Geschwisterkind mit dem,in dessen Gegenwart ich dies sagte. Er formalisirtesich sehr darüber, und als ich ihn um die Ursachefragte, mußte ich erst durch einen langen Stamm-baum passi'rcn, um »leine Beleidigung zu erfahren.Da war nun kein andrer Rath, als dem Unwillenmeines Beleidigten alle meine Vorfahren Preis zugeben, die etwa nicht verdient hatten, es zu seyn.Man tadelte mich; ich rechtfertigte mich aber damit,

Herders Werke z. Phil. u. Gesch. X. T oiten. II.