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Briefe zu Beförderung
Ueber Wahn und Wahnsinn derMenschen.
Eine Vorlesung.
Ohne Zweifel haben Sie, m. H., bei der Zer-gliederung menschlicher Körper die vielen, unendlich-feinen Striche bemerkt, die im Gehirn dergestalt durcheinander laufen, daß sie das Messer des Zerglicdc-rers nicht mehr verfolgen kann. Eben so fein undvielleicht noch feiner laufen in der menschlichen Seeledie Linien des Wahnes und der Wahrheitdurch einander, daß man nach der sorgfältigsten Prü-fung kaum an sich selbst weiß, wo Eins sich vom An-dern scheide.
Wenn alles das Wahn ist, was wir ohnedeutliche Gründe auf guten Glauben annehmen : soist der grvßeste Theil unsrer Erfahrungen, unsre früh-gelernte Kenntnisse, unsre früherwvrbue Gewohnhei-ten, und Neigungen aus Wahn gegründet. Sie be-ruhen entweder auf dem Zeugniß unsrer Sinne, oderanderer Menschen, denen wir glauben, die wir un-vermerkt, uns selbst unbewußt, nachahmen, endlicham meisten auf unsrer eignen Bequemlichkeit undDisposition, lieber so als anders zu bandeln. Sobefestigt sich in uns allmählich eine Gedenk- eineHandlungsweise, deren Ursprung in einzelnenFällen wir selten erforschen mögen. Nur wenigensehr hellen und reinen Seelen ists gegeben, über dieWichtigsten Striche ihrer Denkart sich unpartheiisch