Band 
Fünfter Jahrgang, 1748.
Entstehung
Seite
214
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Franckfurt am Mayn. Folgende Be-trachtung über das Glück des mensch-lichen Lebens, aus dem Französischen über-setzt; Siehe I-e vrsi Usrriore Hol!3nstoi5,dlo. VII. 1/4«. ist uns zugesandt worden.

Je mehr ich der Lebens-Art der meistenMenschen nachdenke, desto weniger begreiffeich es. Wu, denke ich oftmahls bey, mirselbst, s! '> das die vernünftigste Geschöpfe,an welchen die zärtliche Liebe ihres Schöp-fers sich besonders offenbaret? Sind dasdiejenige , welche die Natur mit so erhabe-nen Vorzügen begabt? Sind sie es, umwelcher willen der HErr so viele Wundergethan? Umsonst würbe ich knick in diese Be-trachtung vertieften ; denn hab ich gleich tau-send Vorwürffe um mich , weiche mir zu ei-nem überzeugenden Beweist dienen sollen,so weiß ich doch fast nichts , als was michder Glaube darin« lehret. Das Geheimnißwird täglich unergründlicher,

Welch Verderben!

Was waren wir, ehe wir gebohren wur-den? Wo sind wir gewesen? Welche Noth-wendigkeit war es, daß wir einmal Wirklichseyn selten? GOtt hat uns indessen ausdem Nichts hervorgezogen , um uns alleszu schenken; Welche Erkänntlichkelt fordertnicht solche freye und unverdiente Liebe vonuns? Wir aber sind undankbar, und schä-men uns nicht einmal solches zu seyn. Allesführet uns auf den Schöpfer zurück , undwir mißbrauchen alles aufs schändlichste.Welch übermachter Undank!

Der Himmel, die Erde und die ganze Na»lur erzehlen die Ehre GOttes. Die Vogelin den Feldern , die Löwen in ihren verbor-gensten Höhlen sind erkänntlicher , als wirMenschen; Sie überschreiten niemahls dasMaaß, welches der Schöpfer ihnen gesetzethat; Sie bleiben in ihrer Ordnung , nurder Mensch allein nicht.

Klägliche Betrachtungen , die jedoch leiderallzu wahr sind!

Werffe ich meine Augen auf diese unglück-selige Menschen, welche das Glück mit dengroßen und ausnehmenden Gaben recht zu

überhäussen scheinet, was entdecke ich da?Sie sammlen Schätze auf Schätze. Siebringen ihr Leben in den nisten zu. Allesgehet ihnen nach Wunsch von starten. Allesschmeichelt ihnen. Ihr Herz schwimmet gleich-sam in einem Meer der Wollüsten , darin»sie beständig wie betrunken liegen.

Doch nein, ich betrüge mich , sie sind be-gieriger nach dem, was sie nicht haben , alsvergnügt mit dem, was sie bereits besitzen.Sie lassen sich nach einander bald von Ehr-sucht , bald vom Gelb - Geltz beherrschen.Sie sind mitten in ihren Vergnügungen den-noch unruhig , und empfinden ihre Süßig-keiten selten. Sie verlangen immer etwas,und sind arm bey ihrem grösten Ueberßuß.

Welche Glückseligkeit!

Grosser GOtt ! wie blind sind die armenMenschen! Sie wollen glücklich werden;(und das ist ein Trieb , welcher in allerMenschen Herzen geleget ist ) Allein wo su-chen sie die wahre Glückseligkeit ? Sie ken-nen keine andere, als welche ihre betäubteSinnen rühret. Sie greiffen nach demSchatten, und verlieren darüber das Wesenselbst.

Ehre der Welt, du elteles Nichts , wel.che liesse Wunden schlügest du in aller Men-sche« Herzen l Was für Unruhen und Strei-tigkeiten erregest du alltäglich. Niemand istMit seinem Stande zufrieden. Der Menschwill sich empor schwingen, und wendet allesmögliche an , um zu seinem Endzweck zu ge-langen. Ach möchte er nur ein wenig über-legen , wie viel es ihn kostet, einen so schnellverfliegenden Rauch und Dunst zu erlangen!O wie würde er dasjenige so bald mit Ver-achtung ansehen, was er sonst an andern be-neidet.

O daß er an die schändliche Wege, die ereinschlüget, und an die Niederträchtigkeit,welche er zur Erreichung seines Zwecks garoft begehet, fleißig gedächte! Was vor krum-me Wege, was vor Arglistigkcit, was vorschändliche und einem ehrlichen Mann unan-ständige Mittel muß er anwenden ? Er be-trachte nur diejenige, welche die Stuffe der

Ehren