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D. Joh. Georg Zimmermann, Königl. Großbrittannischer Leibmedicus in Hannover, von der Erfahrung in der Arzneykunst
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96
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-6 D r t t r e s L u ch,

Arzt das Innerste der Natur öffnet; der PratticuBwill diese Porte ohne Schlüssel öfnen. Ohne dieGelehrsamkeit wissen wir nicht, worauf wir in derNatur zu sehen haben, ohne den Beobachtungsgeisttreten wir blindlings ihre Spuren. Ein gelehrterArzt kennt zum voraus das Land, das er durchreisensoll, er hat die besten Beschreibungen davon gelesen;der Pracncus tritt unbereitet diese Reise an, er sindtnärrisch, sich zum voraus um ein Land zu bekümmern,das man sehen wird. Man kann indeß die Erd-beschreibung verstehen, und plötzlich in ein noch un-gesehenes Land versetzet, das eine für das anderenehmen. Die Kunst zu sehen muß die Gelehrsam-keit begleiten, weil es besser ist, daß man selbst sehe,als nur schlechterdings glaube, andere haben gese-hen. Täglich mit der Natur bekannter, lernt manihre Stellungen, Wendungen, Gewohnheiten und'Läune ( caprices) kennen , wenn die Gelehrsamkeitmit der Kunst zu sehen vereint ist.

Ich verstehe durch den Beobachtungsgeisi in derArzneykunst die Fähigkeit, in dem historischen Theileder Arzneykunst, oder der Geschichte der Begeben-heiten, alles so zu sehen, wie es ist. Durch die Ge-schichte der Begebenheiten in der Arzneykunst versteheich die Geschichte derjenigen Erscheinungen und Zei-chen, aus welchen man begreift, daß eine Krank-heit, oder jede andere in Krankheiten sich eraugnensde Begebenheit dasjenige ist, was sie ist. Der Be-obachtungsgeist macht also dem Arzt die Erscheinun-gen in den Krankheiten, ihre Verbindung und ihreAbhangirchkeit in so weit deutlich, als es ihm nöthigist, durch dieselben aufdie Ursachen zu schließen. Erzeigt ihm die Physionomie von jeder Krankheit, dieman zwar unmittelbar nicht sieht, aber die der Ver-stand durch die Augen sieht.

Der