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D. Joh. Georg Zimmermann, Königl. Großbrittannischer Leibmedicus in Hannover, von der Erfahrung in der Arzneykunst
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zweytes R a p t t e l. 105

macht; auch ist immer etwas in dem Unglück solcherFreunde, das ihm nicht misfällt. Ein eigennützi-ger Arzt sieht tausend niederschlagende Begebenhei-ten nicht, sobald sie seine Pralereyen widerlegen;er wird eher sterben, als etwas gutes an einem Arz-te sehen wollen, den er haßt.

Wie mehr sich unsere Leidenschaften in die Beur-theilung eines Gegenstandes mischen, desto unge-schickter sind wir, denselben wohl zu beurtheilen. Esdünkt mich immer ein Meisterstück in der Kunst dieMenschen zu beobachten, wenn mir jemand den Cha-rackter dieses oder jenes grossen Dichters, oder aufeigenen Wegen gehenden und mit einer göttlichen Be-redsamkeit schreibenden Weltweisen, genau bestim-met. Keine Gattung Menschen wird so ungleich be-obachtet. Die einen erheben sie über die Sterne,die andern erkennen sie ins Tollhaus, und jeder sagtich bin unpartheyisch.

Es ist zwar nicht zu läugnen, daß wir zuweileneine Sache geschwinder und besser sehen, wenn unsunendlich viel dargn liegt, daß wir sie sehen. Darumhat Rousseau gesagt, die betrachtungsvolle Weisen,welche ihr Leben mit der Untersuchung des menschli-chen Herzens zugebracht, sehen die wahren Zeichen derLiebe nicht so gut, als das eingeschränkteste Weib, dasverliebt ist. Rousseau hat Recht, denn die Weiberbringen die Hälfte ihres Lebens mit der Liebe zu, dahingegen sehr oft die Männer durch Lausend verschie-dene Geschäfte gezwungen werden, die Liebe zu ver-gessen , oder sich mit derselben nur im Vorbeygangezu beschäftigen. Die Frau von Staal sagt aus ihrerin der Bastille erworbenen Erfahrung, Leute im Ge-fängnisse seyen unter allen Beobachtern die aufmerk-samsten wegen der grossen Müsse, dem Mangel vonZerstreuung, und besonders wegen der Masten Be-