V e c e l l i o.
floß. Außer vier schon angeführten Briefen fin-den sich noch sieben andere in den bekannten:Wettere pirrorlctts 1°. I. 221. D. II. 19. 22.879. D. 111 . 128. D. V. 07. Ein Zwölfter wirdin der Klostcrbibliothek alle Zartere zu Venedig,und ein Dreizehnter, nebst einem Memorial(beyde) an Philipp II. gerichtet, bey dem AbbateSalrbionato handschriftlich aufbewahrt. Dannwerden ihm drey lateinische Epigramme zuge-schrieben, die sich in den: Kims 61 divers! inwarte 6'Irsna 61 8 piI 1 mberAo (Venet. 56i.)p. 56. befinden, deren Aechtheit aber schon Äpo-stolo Zeno *) bezweifelt hat; so wie es vollendsausgemacht ist, daß andere lateinische Juvenilia,welche Jacob di porzia in seinen Briefen (I..I. p. 20 ) einem Tizian vecelli zuschreibt, demNeffen des Unsrigen, gleichen Namens, Ritterund Doctor der Rechte, zugehören. Ueber jene:Raccolta d'sditl unrielil Wird bemerkt, daßGuan'enti (wohl irrig) schon eine Venetianer-Ausgabe derselben von i55(,. anführt; daß aberwahrscheinlich die richtigste diesfällige Litteratursich bey Liruti **) vorfindet.
Und nun hören wir auch unsern gewohntenFührer, den geistreichen Lanzi, in dem, waser Eigenthümliches hat, über Tizian an. Vör-derst halt er für dessen ersten Lehrer einen gewis-sen Sebastian Zuccati, einen zu Trevigo ange-sessenen Valtelliner, oder dann, neuern Spurenzufolge, einen Antonio Rossi von Cadore; im-merhin aber war es Joh. Bellini, der ihn sorg-fältig auf Alles merken ließ, was unter die Sin-nen fallt; daher auch, als der schon erwachseneTizian in seinem Zinsgroschen zu Ferrara mitAlbrecht Dürer wetteifern wollte, er denselbenan zartem Fleiß und Genauigkeit noch übertreffenhat. In jenem Bilde lassen sich, so zu redenalle Haare des Hauptes, alle Poren der Haut,und alle Reflexe im Augenstern zählen; und dochverliert es in der Entfernung von seiner Wirkungnichts, was hingegen bey ähnlichen Werken jenesgroßen Deutschen nicht selten der Fall ist. In-dessen blieb auch der Unsrige nicht lange beydieser Weise ***), und setzte sich vielmehr jenefreyere des Giorgione's zum Muster^ vor, derbey Bellini sein Mitschüler, und späterhin seinNebenbuhlet war. In diesem Geiste waren Ti-zians erste Bildnisse gefertigt. Allein bald nach-her schuf er sich denn doch seinen vollends eige-nen, von Barbarella's entfernten, minder feu-rigen und großen, aber dafür desto lieblichernStyl, der den Zuschauer nicht durch ungewohnteEffekte, sondern durch treue, lautere Wahrheitdahinreißt. Sein erstes Werk in dieser Manierwar jener Tobias mit dem Erzengel Raphael inSt. Marziale; ein zweytes die Darstellung derjungen Maria im Tempel, in der Schule derCaritas zu Venedig, eines seiner reichsten nochvorhandenen Bilder, da (wie wir schon vernom-men) mehr ähnliche durch Feuersbrunsten zuGrund gegangen sind >fi). Hiernächst kömmtLanzi auf den in ältern und neuern Tagen er-hobenen Streit über Tizians Werth theils über-haupt als Zeichner, und theils über die Fragezu sprechen, in wie weit er, die Werke der altenKunst zu studieren, Willen und Vermögen ge-
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habt, Und führt hierüber allerley mehr und min-der bedeutende Urtheile von Michael Angeld,Giorgione, Aug. Tarracci, dann von Mengs,Zairern, Fresnoi, Algarorri und Reynoldsan, die aber alle bloß zu dem Resultate führen:Daß Tizian, so wie etliche andere der größtenKunstlichter, bloß nach der Vollkommenheit inEinem Haupttheile der Kunst gestrebt, und sol-chen wirklich erreicht, deswegen aber alle übrigennichts minder als verschmähet habe. Ueber seinHelldunkel und Kolorit spricht Lanzi ungefehr/wie Fiorillo, und bemerkt besonders: Wie wenigKünsteleyen dieser erste aller Kvloristen gebrauchthabe, um solches zu werden, und ewig zu bleiben.Eben so über seine Nüchternheit in der Compo-sition, über seine Sparsamkeit in der Figuren-zahl, und seine große Kunst dem Anschein nachganz kunstlos zu gruppiren; endlich auch überseinen Ausdruck, nicht bloß in der unübertreffli-chen Wahrheit seiner Bildnisse (womit er an denglänzendsten Höfen von Europa sein großes Glückgemacht sondern auch in der getreuen, nieübertriebenen Darstellung der innern Gemüthsbe-wegungen der handelnden Personen in seinen hi-storischen Bildern, wo hier nicht bloß jener Peterder Märtyrer zu Venedig, sondern auch eineDornenkrönung alle Grazie zu Mailand 'fi-fi-fi)als Beyspiel angeführt wird, so wie beyläufigauch seine Kunde des Kostüme in eben diesemBilde, und seine schöne Architekkurstaffirungen, wo-bey er sich eines Rosa von Brescia (Peters)zum Gehülfen bediente. In der Landschaft hatteer, unter allen Geschichtsmalern, sicher nichtseines gleichen; und zwar mußte sie ihm nichtetwa bloß zur eitelen Zierde dicuen, gleich jenen-die wohl gar noch Cypressen aus dem Meer stei-gen lassen, sondern zum wirklichen Gehülfen desAusdrucks; wie denn z. B. der schauerliche Waldin dem Märtyrer Peter das Scheußliche seinesTodes noch merklich erhöhet, so wie solche an-dere Male, in wohl abgestufften Hintergründenden Figuren im Vorgrund um so viel mehrereGroßheit giebt. Seine Kunst in Lichteffekten be-merke man in seiner Marter von St. Loren; beyden Jesuiten zu Venedig, in der Verschiedenheitdes eigentlichen Feuers, dann des Fackelnglanzesund endlich des Lichtes, das von Oben überdem Haupte des Heiligen erscheint Auch im Aus-drucke der Tagszeiten, der Abende zumal, warer ungemein glücklich. Endlich wußte dieser un-vergleichliche Meister, besser als so Mancher derVenetianischen Schule, eine große Fertigkeit dochimmer mit Ueberlegung und Fleiß zu vereinen.So in seinen al Fresco's zu Padua, die unSdafür entschädigen müssen, was hingegen in die-ser Gattung Alles zu Grund gegangen ist, mitAusnahme des für Charakter und Ausdruck un-vergleichlichen St. Christophs im HerzoglichenPallaste In seinen Oelbüdern zeigte er sichminder fertig und frey, und wollte solches auchnicht zu seyn scheinen, sondern brauchte zur Vol-lendung solcher Werke, und, man möchte sagen,selbst zur Ausbesserung des schon Vollendeten,viele Zeit. Denn immer ließ er das Angefangeneeine Weile ruhen, und kehrte dann wieder zudemselben, gleichsam mit frischem Auge zurück.Mit alle dem wußte er das Mühesame feines
k) In feinen Anmerk. zur Bibliothek des Fontanini (I. N. x. r°-.)
Kit) Uotirie 6s I.etterLti äel kriull 1. II. P. zoz.
«-;:») Die zum Theil auch diejenige seines Meisters Bellini war.
j-) Gestochen ist dasselbe von A. Zuechi N 3 " hoch, br.) und «och größer und schöner, prächtig in Farbe»(21" hoch, 42" br.) von I. B. Jackson.
jch) Daß der einzige Großherzog Cosmus 1. sich nicht von Tizian wollte malen lassen, hätte (meint Lanzi)vasari aus Anstand verschweigen sollen. Wir denken es nicht.
j-ich) Eine der Französischen Kuustbeuten.
*) -L. Zucclii sc, ,i<> hoch, i," hp.
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