Balladen.
Die schwache Frau!... Du gehst davon!" —
Sie trägt die Mutter durch's Wasser schon.
„Zum Bühle da rettet euch! harret derweil;
Gleich kehr' ich zurück, uns allen ist Heil.
Zum Bühl ist's noch trocken und wenige Schritt;Doch nehmt auch mir meine Ziege mit!"
Der Damm zerschmilzt, das Feld erbraus't,Die Fluthen wühlen, die Fläche saus't.
Sie setzt die Mutter auf sichres Land;
Schön Guschen gleich wieder zur Fluth gewandt.
„ Wohin? Wohin? Die Breite schwoll;
Des Wassers ist hüben und drüben voll.
Verwegen in's Tiefe willst du hinein!" —
„Sie sollen und müssen ger ettet seyn!"
Der Damm verschwindet, die Welle braus't,Eine Meereswoge, sie schwankt und saus't.Schön Guschen schreitet gewohnten Steg,
Umströmt auch gleitet sie nicht vom Weg,
Erreicht den Bühl und die Nachbarin;
Doch der und den Kindern kein Gewinn!
Der Damm verschwand, ein Meer erbraust's,Den kleinen Hügel im Kreis umsaust's.
Da gähnet und wirbelt der schäumende SchlundUnd ziehet die Frau mit den Kindern zu Grund;
Das Horn der Ziege faßt das ein',
So sollten sie alle verloren seyn!
Schön Suschen steht noch strack und gut:
Wer rettet das junge, das edelste Blut!
Schön Suschen steht noch wie ein Stern;
Doch alle Werber sind alle fern.
Rings um sie her ist Wafferbahn,
Kein Schifflein schwimmet zu ihr heran.
Noch einmal blickt sie zum Himmel hinauf,
Da nehmen die schmeichelnden Fluthen sie auf.
Kein Damm, kein Feld! Nur hier und dortBezeichnet ein Baum, ein Thurm den Ort,Bedeckt ist Alles mit Wasserschwall;
Doch Tuschens Bild schwebt überall. —
Das Wasser sinkt, das Land erscheintUnd überall wird schön Suschen beweint.
Und dem sey, wer's nicht singt und sagt,
Im Leben und Tod nicht nachgefragt!
Der Fischer.
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis an's Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Theilt sich die Fluth empor;
Aus dem bewegten Wasser rauschtEin feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
Was lockst du meine BrütMit Menschenwitz und MenschenlistHinauf in Todesgluth?
Ach wüßtest du, wie's Fischlein istSo wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter wie du bistUnd würdest erst gesund.
Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenathmend ihr GesichtNicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen AngesichtNicht her in ew'gen Thau?
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.
Der König in Thule.
Es war ein König in Thule,
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine'BuhleEinen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich,Gönnt' alles seinem Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem VätersaaleDort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,Trank letzte Lebensgluth,
Und warf den heil'gen BecherHinunter in die Fluth.
Er sah ihn stürzen, trinkenUnd sinken tief ins Meer.
Die Augen thäten ihm sinken;Trank nie einen Tropfen mehr.