Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Balladen.

45

So singt er in der Winterstunde.

Wo nicht ein armes Hiilmchen griint.Ich lache seiner tiefen Wunde,

Denn wirklich ist sie wohlverdient.

So geh' es jedem, der am TageSein edles Liebchen frech bekriegt,Und Nachts, mit allzukühner Wage,Zu Amors falscher Mühle kriecht.

Der Müllerin Rene.

Jüngling.

Nur fort, du braune Hexe, fort!

Aus meinem gereinigten Hause,

Daß ich dich, nach dem ernsten Wort,

Nicht zause!

Was singst du hier für HeucheleiVon Lieb' und stiller Mädchentreu?

Wer mag das Mährchen hören!

Zigeunerin.

Ich singe von des Mädchens Reu,

Und langem heißem Sehnen;

Denn Leichtsinn wandelte sich in TreuUnd Thränen.

Sie fürchtet der Mutter Drohen nicht mehr,Sie fürchtet des Bruders Faust nicht so sehr,Als den Haß des herzlich Geliebten.

» gii n g.

Von Eigennutz sing' und von Verrath,

Von Mord und diebischem Rauben;

Man wird dir jede falsche ThatWohl glauben.

Wenn sie Beute vertheilt, Gewand und Gut,Schlimmer als je ihr Zigeuner thut,

Das sind gewohnte Geschichten.

Zigeunerin. V

Ach! weh! ach weh! Was hab' ich gethan!Was hilft mir nun das Lauschen!

Ich hör' an meine Kammer heranIhn rauschen.

Da klopfte mir hoch das Herz, ich dacht':

O hättest du doch die LiebesuachtDer Mutter nicht verrathen!"

Jüngling.

Ach leider! trat ich auch einst hinein,

Und ging verführt im Stillen:

Ach Süßchen! laß mich zu dir einMit Willen!

Doch gleich entstand ein Lärm und Geschrei;Es rannten die tollen Verwandten herbei.Noch siedet das Blut mir ini Leibe.

Zigeunerin.

Kommt nun dieselbige Stunde zurück,

Wie still mich's kränket und schmerzet!

Ich habe das nahe, das einzige GlückVerscherzet.

Ich armes Mädchen, ich war zu jung!

Es war mein Bruder verrucht genung,

So schlecht an dem Liebsten zu handeln."

Der Dichter.

So ging das schwarze Weib in das Haus,In den Hof zur springenden Quelle;

Sie wusch sich heftig die Augen aus,

Und helle

Ward Aug' und Gesicht, und weiß und klarStellt sich die schöne Müllerin darDem erstaunt-erzürnten Knaben.

Müllerin.

Ich fürchte fürwahr dein erzürnt Gesicht,Du Süßer, Schöner und Trauter!

Und Schläg' und Messerstiche nicht;

Nur lauter

Sag' ich von Schmerz und Liebe dir,

Und will zu deinen Füßen hierNun leben oder auch sterben.

Jüngling.

O Neigung, sage, wie hast du so tiefIm Herzen dich verstecket?

Wer hat dich, die verborgen schlief,Geweckt?

Ach Liebe, du wohl unsterblich bist!

Nicht kann Verrath und hämische ListDein göttlich Leben tödten.

Müllerin.

Liebst du mich noch so hoch und sehr,

Wie du mir sonst geschworen,

So ist uns beiden auch nichts mehrVerloren.

Nimm hin das vielgeliebte Weib,

Den jungen unberührten Leib!

Es ist nun alles dein eigen!

Beide.

Nun, Sonne, gehe hinab und hinauf!

Ihr Sterne, leuchtet und dunkelt!

Es geht ein Liebesgestirn mir ausUnd funkelt.

So lange die Quelle springt und rinnt,

So lange bleiben wir gleichgesinnt,

Eins an des andern Herzen.