Elegien. 69
Drohtest mit grimmiger Gluth den armen Augen, und wandtestSelbst den thränenden Blick, innig getäuschet, hinweg.
Ach! da warst du so hold und schütztest ein trauriges Leben,
Das die verwegene Flucht endlich dem Knaben entriß.
Freundlich faßtest du mich, den Zerschmetterten, trugst mich vonbannen,
Und ich heuchelte lang', dir an dem Busen, den Tod.
Endlich schlug die Augen ich auf, und sah dich, in ernste,
Stille Betrachtung versenkt, über den Liebling geneigt.
Kindlich strebt' ich empor, und küßte die Hände dir dankbar,Reichte zum reinen Kuß dir den gefälligen Mund.
Fragte: Warum, mein Vater, so ernst? und hab' ich gefehlet,O! so zeige mir an, wie mir das Beßre gelingt.
Keine Mühe verdrießt mich bei dir, und Alles und JedesWiederhol' ich so gern, wenn du mich leitest und lehrst.
Aber du faßtest mich stark und drücktest mich fester im Arme,Und es schauderte mir tief in dem Busen das Herz.
Nein! mein liebliches Kind, so riefst du, Alles und Jedes,
Wie du es heute gezeigt, zeig' es auch morgen der Stadt.
Rühre sie alle, wie mich du gerührt, und es fließen, zum Beifall,Dir von dem trockensten Aug' herrliche Thränen herab.
Aber am tiefsten trafst du doch mich, den Freund, der im Arm dichHält, den selber der Schein früherer Leiche geschreckt.
Ach, Natur, wie sicher und groß in Allem erscheinst du!Himmel und Erde befolgt ewiges, festes Gesetz,
Jahre folgen auf Jahre, dem Frühlinge reichet der Sommer,Und dem reichlichen Herbst traulich der Winter die Hand.
Felsen stehen gegründet, es stürzt sich das ewige Wasser,
Aus der bewölkten Kluft, schäumend und brausend hinab.
Fichten grünen so fort, und selbst die entlaubten GebüscheHegen, im Winter schon, heimliche Knospen am Zweig.
Alles entsteht und vergeht nach Gesetz; doch über des MenschenLeben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwankendesLoos.
Nicht dem blühenden nickt der willig scheidende Vater,
Seinem trefflichen Sohn, freundlich vom Rande der Gruft;
Nicht der Jüngere schließt dem Netteren immer das Auge,
Das sich willig gesenkt, kräftig dem Schwächeren zu.
Oefter, ach! verkehrt das Geschick die Ordnung der Tage;Hülflos klaget ein Greis Kinder und Enkel umsonst,
Steht ein beschädigter Stamm, dem rings zerschmetterte ZweigeUm die Seiten umher strömende Schlossen gestreckt.
Und so, liebliches Kind, durchdrang mich die tiefe Betrachtung,Als du zur Leiche verstellt über die Arme mir hingst;
Aber freudig seh' ich dich mir, in dem Glänze der Jugend,Vielgeliebtes Geschöpf, wieder am Herzen belebt.
Springe fröhlich dahin, verstellter Knabe! Das MädchenWächst zur Freude der Welt, mir zum Entzücken heran.
Immer strebe so fort, und deine natürlichen GabenBilde, bei jeglichem Schritt steigenden Lebens, die Kunst.
Sey mir lange zur Lust, und eh' mein Auge sich schließet,Wünsch' ich dein schönes Talent glücklich vollendet zu sehn. —
Also sprachst du, und nie vergaß ich der wichtigen Stunde!Deutend entwickelt' ich mich an dem erhabenen Wort.
O wie sprach ich so gerne zum Volk die rührenden Reden,
Die du, voller Gehalt, kindlichen Lippen vertraut!
O wie bildet' ich mich an deinen Augen, und suchteDich im tiefen Gedräng' staunender Hörer heraus!
Doch dort wirst du nun seyn, und stehn, und nimmer bewegt sichEuphrosyne hervor, dir zu erheitern den Blick.
Du vernimmst sie nicht mehr, die Töne des wachsenden Zöglings,Die du zu liebendem Schmerz frühe, so frühe! gestimmt.
Andre kommen und gehn; es werden dir Andre gefallen,
Selbst dem großen Talent drängt sich ein größeres nach.
Aber du, vergesse mich nicht! Wenn Eine dir jemalsSich im verworrnen Geschäft heiter entgegen bewegt,
Deinem Winke sich fügt, an deinem Lächeln sich freuet,
Und am Platze sich nur, den du bestimmtest, gefällt;
Wenn sie Mühe nicht spart noch Fleiß, wenn thätig der Kräfte,Selbst bis zur Pforte des Grabs, freudiges Opfer sie bringt;
Guter! dann gedenkest du mein, und rufest auch spät noch:Euphrosyne, sie ist wieder erstanden vor mir!
Vieles sagt' ich noch gern; doch, ach! die Scheidende weilt nicht,Wie sie wollte; mich führt streng ein gebietender Gott.
Lebe Wohl! schon zieht mich's dahin in schwankendem Eilen.Einen Wunsch nur vernimm, freundlich gewähre mir ihn:
Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn!
Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.
Denn gestaltlos schweben umher in Persephoneia'sReiche, massenweis', Schatten vom Namen getrennt;
Wen der Dichter aber gerühmt, der wandelt, gestaltet,
Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.
Freudig tret' ich einher, von deinem Liede verkündet,
Und der Göttin Blick weilet gefällig auf mir.
Mild empfängt sie mich dann, und nennt mich; es winken die hohenGöttlichen Frauen mich an, immer die nächsten am Thron.
Penelvpeia redet zu mir, die treuste der Weiber,
Auch Euadne, gelehnt auf den geliebten Gemahl.
Jüngere nahen sich dann, zu früh herunter Gesandte,
Und beklagen mit mir unser gemeines Geschick.
Wenn Antigone kommt, die schwesterlichste der Seelen,
Und Polyxena, trüb' noch von dem bräutlichen Tod,
Seh' ich als Schwestern sie an und trete würdig zu ihnen;
Denn der tragischen Kunst holde Geschöpfe sind sie.
Bildete doch ein Dichter auch mich; und seine Gesänge,
Ja, sie vollenden an mir, was mir das Leben versagt."
Also sprach sie, und noch bewegte der liebliche Mund sichWeiter zu reden; allein schwirrend versagte der Ton.
Denn aus dem Purpurgewölk, dem schwebenden, immer bewegten,Trat der herrliche Gott Hermes gelassen hervor:
Mild drhob er den Stab und deutete; wallend verschlangenWachsende Wolken, im Zug, beide Gestatten vor mir.
Tiefer liegt die Nacht um mich her; die stürzenden WasserBrausen gewaltiger nun neben dem schlüpfrigen Pfad.
Unbezwingliche Trauer befällt mich, entkräftender Jammer,
Und ein moosiger Fels stützet den Sinkenden nur.
Wehmuth reißt durch die Saiten der Brust; die nächtlichen ThränenFließen, und über dem Wald kündet der Morgen sich an.
Das Wiederseht!.
Er.
Süße Freundin, noch Einen, nur Einen Kuß noch gewähreDiesen Lippen! Warum bist du mir heute so karg?Gestern blühte wie heute der Baum; wir wechselten KüsseTausendfältig; dem Schwärm Bienen verglichst du sie ja,