86
Sonette.
V.
Wachsthum.
AIs kleines art'ges Kind nach Feld und AuenSprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen.„Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen,Möcht' ich als Vater segnend Häuser bauen!"
Und als du anfingst in die Welt zu schauen,
War deine Freude häusliches Besorgen.
„Solch eine Schwester! und ich wär' geborgen:
Wie könnt' ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!"
Nun kann den schönen Wachsthum nichts beschränken;Ich fühl' im Herzen heißes Liebetoben.
Umfass' ich sie, die Schmerzen zu beschwicht'gen?
Doch ach! nun muß ich dich als Fürstin denken:
Du stehst so schroff vor mir emporgehoben;
Ich beuge mich vor deinem Blick, dem flücht'gen.
VI.
Keisyehrung.
Entwöhnen sollt' ich mich vom Glanz der Blicke,Mein Leben sollten sie nicht mehr verschönen.
Was man Geschick nennt, läßt sich nicht versöhnen,Ich weiß es wohl und trat bestürzt zurücke.
Nun wußt' ich auch von keinem weitem Glücke;Gleich fing ich an von diesen und von jenenNothwend'gen Dingen sonst mich zu entwöhnen:Nothwendig schien mir nichts als ihre Blicke.
Des Weines Gluth, den Vielgenuß der Speisen,Bequemlichkeit und Schlaf und sonst'ge Gaben,Gesellschaft wies ich weg, daß wenig bliebe.
/
So kann ich ruhig durch die Welt nun reisen:
Was ich bedarf ist überall zu haben,
Und Unentbehrlichs bring' ich mit — die Liebe.
VII.
Abschied.
War unersättlich nach viel tausend Küssen,
Und mußt' mit Einem Kuß am Ende scheiden;
Nach herber Trennung tiefempfundnen LeidenWar mir das Ufer, dem ich mich entrissen,
Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen,So lang' ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden;Zuletzt im Blauen blieb ein AugenweidenAn sernentwichnen lichten Finsternissen.
Und endlich, als das Meer den Blick umgränzte,Fiel mir zurück in's Herz mein heiß Verlangen;
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.
Da war es gleich als ob der Himmel glänzte;
Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,Als hätt' ich alles, was ich je genossen.
VIII.
Die Liebende schreibt.
Ein Blick von deinen Augen in die meinen,
Ein Knß von deinem Mund auf meinem Munde —Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde,
Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?
Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen,Führ' ich stets die Gedanken in die Runde,
Und immer treffen sie auf jene Stunde,
Die einzige; da sang' ich an zu weinen.
Die Thräne trocknet wieder unversehens:
Er liebt ja, den? ich, her in diese Stille,
Und solltest du nicht in die Ferne reichen?
Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens;
Mein einzig Glück auf Erden ist dein Wille,
Dein freundlicher zu mir; gieb mir ein Zeichen!
IX.
Die Liebende abermals.
Warum ich wieder zum Papier mich wende?
Das mußt du, Liebster, so bestimmt nicht fragen:Denn eigentlich hab' ich dir nichts zu sagen;
Doch kommt's zuletzt in deine lieben Hände.
Weil ich nicht kommen kann, soll was ich sendeMein ungetheiltes Herz hinüber tragenMit Wonnen, Hoffnungen, Entzücken, Plagen:Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende.
Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts vertrauen,Wie sich im Sinnen, Wünschen, Wähnen, WollenMein treues Herz zu dir hinüber wendet:
So stand ich einst vor dir, dich anzuschauenUnd sagte nichts. Was hätt' ich sagen sollen?
Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.
X.
Sie kann nicht enden.
Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte,Anstatt daß ich's mit Lettern erst beschreibe,Ausfülltest du's vielleicht zum ZeitvertreibeUnd sendetest's an mich, die Hochbeglückte.