Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Epigrammatisch,

Nationalversammlung.

Auf der recht - und linken Seite,Auf dem Berg und in der Mitten,Sitzen, stehen sie zum Streite,

All' einander ungclittcn.

Wenn du dich an's Ganze wendest,Und votirest, wie du sinnest,

Merke. welchen du entfremdest,Fühle, wen du dir gewinnest.

Dem 31. Oktober 1817.

Dreihundert Jahre hat sich schonDer Protestant erwiesen,

Daß ihn von Papst- und TürkenthronBefehle baß verdrießen.

Was auch der Pfaffe sinnt und schleicht,Der Prediger steht zur Wache,

Und daß der Erbfeind nichts erreicht,Ist aller Deutschen Sache.

Auch ich soll gottgegebne KraftNicht ungenützt verlieren,

Und will in Kunst und WissenschaftWie immer Protestiren.

Dreifaltigkeit.

Der Vater ewig in Ruhe bleibt,

Er hat der Welt sich einverleibt.

Der Sohn hat Großes unternommen,Die Welt zu erlösen, ist er gekommen;Hat gut gelehrt und viel ertragen,Wunder noch heut in unsern Tagen.

Nun aber kommt der heil'ge Geist,

Er wirkt am Pfingsten allermeist.Woher er kommt, wohin er weht,

Das hat noch niemand ausgespäht.

Sie geben ihm nur eine kurze Frist,Da er doch Erst - und Letzter ist.

Deßwegen wir treulich, unverstohlen,Das alte Credo wiederholen:

Anbetend sind wir all' bereitDie ewige Dreifaltigkeit.

Lrjtner's Agape.

1819 .

Von deinem LiebesmahlWill man nichts wissen;Für einen Christen ist'sEin böser Bissen.

Denn kaum verläßt der HerrDie Grabestücher,

Gleich schreibt ein SchelmenvolkAbsurde Bücher.

Gewinnen gegen dichDie Philologen;

Das hilft uns alles nichts,

Wir sind betrogen.

Dativitiit.

Der Deutsche ist gelehrt,

Wenn er sein Deutsch versteht;Doch bleib' ihm unverwehrt,Wenn er nach außen geht.

Er komme dann zurück,

Gewiß um viel gelehrter;

Doch ist's ein großes Glück,Wenn nicht um viel verkehrter.

Das Parterre spricht.

Strenge Fräulein zu begrüßen,Muß ich mich bequemen;

Mit den liederlichen SüßenWerd' ich's leichter nehmen.

Auf der Bühne lieb' ich drobenKeine Redumschweife;

Soll ich denn am Ende loben,Was ich nicht begreife?

Lose faßliche GeberdenKönnen mich verführen;

Lieber will ich schlechter werden,Als mich ennuyiren.

Äuf den Lauf.

Wo ist einer, der sich quäletMit der Last, die wir getragen?Wenn es an Gestalten fehlet,

Ist ein Kreuz geschwind geschlagen.

Psaffenhelden singen sie,

Frauen wohl empfohlen,

Oberleder bringen sie,

Aber keine Sohlen.

Jung und Alte, Groß und Klein,Gräßliches Gelichter!

Niemand will ein Schuster seyn,Jedermann ein Dichter.