Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Gott und Wett.

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Auch bewegt sich jeglicher Fuß, der lange, der kurze,

Ganz harmonisch zum Sinne des Thiers und seinem Bedürfniß.So ist jedem der Kinder die volle reine GesundheitVon der Mutter bestimmt: denn alle lebendigen GliederWidersprechen sich nie und wirken alle zum Leben.

Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Thieres,

Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle GestaltenMächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung,

Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen.Doch im Innern befindet die Kraft der ediern GeschöpfeSich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen.

Diese Gränzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie:

Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich.

Doch im Innern scheint ein Geist gewaltig zu ringen,

Wie er durchbräche den Kreis, Willkür zu schaffen den FormenWie dem Wollen; doch was er beginnt, beginnt er vergebens.Denn zwar drängt er sich vor zu diesen Gliedern, zu jenen,Stattet mächtig sie aus, jedoch schon darben dagegenAndere Glieder, die Last des Uebergewichts vernichtetAlle Schöne der Form und alle reine Bewegung.

Siehst du also dem einen Geschöpf besonderen VorzugIrgend gegönnt, so frage nur gleich, wo leidet es etwaMangel anderswo, und suche mit forschendem Geiste,

Finden wirst du sogleich zu aller Bildung den Schlüssel.

Denn so hat kein Thier, dem sämmtliche Zähne den obernKiefer umzäunen, ein Horn auf seiner Stirne getragen,

Und daher ist den Löwen gehörnt der ewigen MutterGanz unmöglich zu bilden, und böte sie alle Gewalt auf;

Denn sie hat nicht Masse genug, die Reihen der ZähneVöllig zu Pflanzen und auch Geweih und Hörner zu treiben.

Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von WillkürUnd Gesetz, von Freiheit und Maaß, von beweglicher Ordnung,Vorzug und Mangel, erfreue dich hoch: die heilige MuseBringt harmonisch ihn dir, mit sanftem Zwange belehrend.Keinen höhern Begriff erringt der sittliche Denker,

Keinen der thätige Mann, der dichtende Künstler; der Herrscher,Der verdient es zu seyn, erfreut nur durch ihn sich der Krone.Freue dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich fähigIhr den höchsten Gedanken» zu dem sie schaffend sich aufschwang,Nachzudenken. Hier stehe nun still und wende die BlickeRückwärts, Prüfe, vergleiche, und nimm vom Munde der Muse,Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewißheit.

Äntcpirihcma.

So schauet mit bescheidnem BlickDer ewigen Weberin Meisterstück,

Wie Ein Tritt tausend Fäden regt,

Die Schifflein hinüber herüber schießen,Die Fäden sich begegnend fließen,

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt;Das hat sie nicht zusammengebettelt,

Sie hat's von Ewigkeit angezettelt,

Damit der ewige MeistermannGetrost den Einschlag werfen kann.

tlrworte. Orphisch.

Dämon.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Gmße der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen,

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du seyn, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückeltGeprägte Form, die lebend sich entwickelt.

das Zufällige.

Die strenge Gränze doch umgeht gefälligEin Wandelndes, das mit und um uns wandelt;

Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,

Und handelst wohl so wie ein andrer handelt:

Im Leben ist's bald hin- bald wiederfällig,

Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt;

Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,

Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.

Liebe.

Die bleibt nicht aus! — Er stürzt vom Himmel nieder,Wohin er sich aus alter Oede schwang,

Er schwebt heran auf lustigem GefiederUm Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,

Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.

Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,

Doch widmet sich das edelste dem Einen.

Nöthignng.

Da ist's denn wieder, wie die Sterne wollten:Bedingung und Gesetz und aller WilleIst nur ein Wollen, weil wir eben sollten,

Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;

Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,

Dem harten Muß bequemt sich Will' und Grille.

So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren,Nur enger dran, als wir am Anfang waren.

L/ll/llr, Hoffnung.

Doch solcher Gränze, solcher ehrnen MauerHöchst widerwärt'ge Pforte wird entriegelt,

Sie stehe nur mit alter Felsendauer!

Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:

Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer,

Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt;

Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen;

Ein Flügelschlag — und hinter uns Aeonen!

Atmosphäre.

„Die Welt, sie ist so groß und breit,Der Himmel auch so hehr und weit;

Ich muß das alles mit Augen fassen,Will sich aber nicht recht denken lassen."

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ethe, Werke. I.