Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten.

Ueber die Ballade

vorn vertriebene» und zurückkehrenden Grafen.

Die Ballade hat etwas Mysteriöses ohne mystisch zu seyn;diese letzte Eigenschaft eines Gedichts liegt im Stoff, jene in derBehandlung. Das Geheimnißvolle der Ballade entspringt ausder Vortragsweise. Der Sänger nämlich hat seinen PrägnantenGegenstand, seine Figuren, deren Thaten und Bewegung, sotief im Sinne, daß er nicht weiß, wie er ihn an's Tageslichtfördern will. Er bedient sich daher aller drei Grundarten derPoesie, um zunächst auszudrücken, was die Einbildungskrafterregen, den Geist beschäftigen soll; er kann lyrisch, episch, dra-matisch beginnen, und nach Belieben die Formen wechselnd,fortsahren, zum Ende hineilen, oder es weit hinausschieben.Der Refrain, das Wiederkehren ebendesselben Schlußklanges,giebt dieser Dichtart den entschiedenen lyrischen Charakter.

Hat man sich mit ihr vollkommen befreundet, wie es beiuns Deutschen wohl der Fall ist, so sind die Balladen aller Völ-ker verständlich, weil die Geister in gewissen Zeitaltern, entwe-der contemporan oder successiv, bei gleichem Geschäft immergleichartig verfahren. Uebrigens ließe sich an einer Auswahlsolcher Gedichte die ganze Poetik gar wohl vortragen, weil hierdie Elemente noch nicht getrennt, sondern, wie in einem leben-digen Ur-Ei, zusammen sind, das nur bebrütet werden darf,um als herrlichstes Phänomen, auf Goldflügeln in die Lüstezu steigen.

Zu solchen Betrachtungen gab mir die oben bezeichneteBallade Gelegenheit; sie ist zwar keineswegs mysteriös, alleinich konnte doch beim Vertrag öfters bemerken, daß selbst geist-reich-gewandte Personen nicht gleich zum erstenmal ganz zurAnschauung der dargestellte» Handlung gelangten. Da ich nunaber nichts daran ändern kann, um ihr mehr Klarheit zu geben,so gedenk' ich ihr durch prosaische Darstellung zu Hülfe zukommen.

V. 1. Zwei Knaben, in einem alten waldumgebenen Rit-terschloß, ergreifen die Gelegenheit, da der Vater auf der Wolfs-jagd, die Mutter im Gebet begriffen ist, einen Sänger in dieeinsame Halle hereinzulassen.

B. 2. Der alte Barde beginnt unmittelbar seinen geschicht-lichen Gesang. Ein Gras, im Augenblick da Feinde sein Schloßeinnehmen, entflieht, nachdem er seine Schätze vergraben, einTöchterchen in den Mantel gewickelt mit forttragend.

V. 3. Er geht in die Welt, unter der Form eines hülfs-

bedürftigen Sängers. Das Kind, eine schätzbare Bürde, wächstheran.

V. 4. Das Hinschwinden der Jahre wird durch Entfär-ben und Zerstieben des Mantels angedeutet; auch ist die Tochterschön und groß geworden, eines solchen Schirmes bedürfte sienicht mehr.

B. 5. Ein fürstlicher Ritter kommt vorbei; anstatt deredelschönen Hand ein Almosen zu reichen, ergreift er sie wer-bend ; der Vater gesteht die Tochter zu.

B. 6. Getraut, scheidet sie ungern vom Vater; er ziehteinsam umher. Nun aber fällt der Sänger aus seiner Rolle, erist es selbst; er spricht in der ersten Person, wie er in GedankenTochter und Enkel segne.

V. 7. Er segnet die Kinder und wir argwöhnen er sey nichtallein der Graf dessen der Gesang erwähnte, sondern dieß seyenseine Enkel, die Fürstin seine Tochter, der fürstliche Jäger seinSchwiegersohn. Wir hoffen das Beste; aber bald werden wirin Schrecken gesetzt. Der stolze, hochfahrende heftige Vaterkommt zurück; entrüstet, daß ein Bettler sich in's Haus geschli-chen, gebietet er denselben in's Verließ zu werfen. Die Kindersind verschüchtert, die herbeieilende Mutter legt ein freundlichesVorwort ein.

V. 8. Die Knechte getrauen sich nicht den würdigen Greisanzurühren; Mutter und Kinder bitten; der Fürst verbeißt nuraugenblicklich seinen Zorn. (Dieß würde auf dem Theater einglückliches Bild machen.) Aber ein längst verhaltener Grimmbricht los; im Gefühl seiner alten ritterlichen Herkunst hat esden Stolzen heimlich gereut die Tochter eines Bettlers geehlichtzu haben.

V. 9. Schmählich verachtende Vorwürfe gegen Frau undKinder brechen los.

V. 10. Der Greis, der in seiner Würde unangetastetstehen geblieben, eröffnet den Mund und erklärt sich als Vaterund Großvater, auch als ehemaliger Herr der Burg, das Ge-schlecht des gegenwärtigen Besitzers hat ihn vertrieben.

V. 11. Die näheren Umstände klären sich auf; eine ge-waltsame Regierungsveränderung hatte den rechtmäßigen König,dem der Gras anhing, vertrieben und so auch seine Getreuen,die nun bei wiederhergestellter Dynastie zurückkehrten. Der Altelegitimirt sich dadurch als Hausbesitzer, daß er die Stelle dervergrabenen Schätze anzudeuten weiß, verkündigt übrigens eineallgemeine Amnestie, sowohl im Reiche als im Hause und allesnimmt ein erfreuliches Ende.