176
Noten.
Ich wünsche den Lesern und Sängern das Gedicht durchdiese Erklärung genießbarer gemacht zu haben und bemerke nochdaß eine, vor vielen Jahren mich anmuthende, altenglischeBallade, die ein Kundiger jener Literatur vielleicht bald nach-weist, diese Darstellung veranlaßt habe. Der Gegenstand warmir sehr lieb geworden, auf den Grad daß ich ihn auch zurOper ausarbeitete, welche, wenn schon der entworfene Plantheilweise ausgeführt war, doch, wie so manches andere, hintermir liegen blieb. Vielleicht ergreift ein Jüngerer diesen Gegen-stand, hebt die lyrischen und dramatischen Punkte hervor unddrängt die epischen in den Hintergrund. Bei lebhafter, geist-reicher Ausführung von Seiten des Dichters und Componistendürfte sich ein solches Theaterstück wohl gute Aufnahme ver-sprechen.
Ueber Goethes Harzreise im Winter.
Eiuladungsschrift von Dr. Kannegießer,
Rector des GvmnasnimS zu Prenzlau.
December 1820 .
Dieses kleine Heft, vom Verfasser freundlich zugesandt,gab mir die angenehme Veranlassung, die sonderbaren Bilderfrüherer Jahre aus den Letheischen Fluchen wieder hervorzurufen;wobei ich zu bewundern hatte, daß mein sinniger Ausleger, demdie wunderlichen Besonderheiten jenes Winterzuges keineswegsbekannt seyn konnten, dennoch, durch wenige Andeutungen ge-leitet, die Eigenheiten des Verhältnisses, die Wesenheit des Zu-standes und den Sinn des obwaltenden Gefühls durchdringlicherkannt und ausgesprochen.
Nachdem ich mir nun jene für mich sehr bedeutenden Tagewieder zurückgerufen, so kann ich nicht unterlassen einiges zu er-wiedern, und wie es bei mir aufgeregt worden, niederzuschreiben.
Schon früher hatte ich die Ehre erlebt, daß geistreich nach-spürende Männer meine Gedichte zu entwickeln sich bestrebten,ich nenne Moritz und Delbrück, welche beide in das Angedeutete,Verschwiegene, Geheimnißvolle dergestalt eindrangen, daß siemich selbst in Verwunderung setzten; wie ich denn von Letztge-nanntem nur anführen will, daß er in den Gedichten an Lidagrößere Zartheit als in allen übrigen ausgespürt.
Gleiches Wohlwollen erzeigt mir nun Herr vr. Kanne-gießer, wofür ich ihm einen öffentlich ausgesprochenen Dank ver-traulich erwiedere und, nach seinem Wunsch, über das genannteGedicht auch meinerseits einige Aufklärung versuche.
Was von meinen Arbeiten durchaus, rind so auch von denkleineren Gedichten gilt, ist, daß sie alle, durch mehr oder min-der bedeutende Gelegenheit aufgeregt, im unmittelbaren An-schauen irgend eines Gegenstandes verfaßt worden, deßhalb siesich nicht gleichen, darin jedoch übereinkommen, daß bei beson-dern äußern, oft gewöhnlichen Umständen, ein Allgemeines, In-neres, Höheres dem Dichter vorschwebte.
Weil nun aber demjenigen, der eine Erklärung meiner Ge-dichte unternimmt, jene eigentlichen, im Gedicht nur angedeu-teten, Anlasse nicht bekannt seyn können, so wird er den innern
hohem, faßlichern Sinn vorwalten lassen; ich habe auch hiezu,um die Poesie nicht zur Prose herabzuziehen, wenn mir derglei-chen zur Kenntniß gekommen, gewöhnlich geschwiegen.
Das Gedicht aber, welches der gegenwärtige Erklärer ge-wählt, die Harzreise, ist sehr schwer zu entwickeln, Westessich auf die allerbesoudersten Umstände bezieht; und doch hat ersehr viel geleistet, indem er das Angedeutete genugsam heraus-ahuete, wodurch ich mich stellenweise in Verwunderung gesetztund bewogen fühle, folgendes zu näherer Aufklärung zu eröffnen.
In meinen biographischen Versuchen würde jene Epocheeine bedeutende Stelle einnehmen. Die Reise ward Ende No-vembers 1777 gewagt. Ganz allein, zu Pferde, im drohendenSchnee, unternahm der Dichter ein Abenteuer, das man bizarrnennen könnte, von welchem jedoch die Motive im Gedicht selbstleise angedeutet sind.
Dem Geier gleich,
Der, auf schweren MorgenwolkenMit sanftem Fittig ruhend,
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied.
Der Reisende verläßt am frühsten Wintermorgen seinen,im Augenblick behaglich-gastfreundlichen, thüringischen Wohnsitz,wo ihn später eine zweite Vaterstadt beglückte, er reitet nord-wärts bergauf; ein schwerer, schneedrohender Himmel wälzt sichihm entgegen.
Denn ein Gott hatJedem seine BahnVorgezeichuet,
Die der GlücklicheRasch zum freudigenZiele rennt.
Begonnene Ausführung eines bedenklichen und beschwer-lichen Unternehmens stählt den Muth und erheitert den Geist.Der Dichter gedenkt seines bisherigen Lebensganges, den erglücklich nennen, dem er den schönsten Erfolg versprechen darf.
Wem aber UnglückDas Herz zusammenzog,
Er sträubt vergebensSich gegen die SchrankenDes ehernen Fadens,
Den die doch bittre ScheereNur einmal löst.
Aber sogleich gedenkt er eines Unglücklichen, Mißmuthigen,um dessentwillen er eigentlich die Fahrt unternommen.
Als der Dichter den Werther geschrieben, um sich wenigstenspersönlich von der damals herrschenden Empfindsamkeits-Krank-heit zu befreien, mußte er die große Unbequemlichkeit erleben,daß man ihn gerade diesen Gesinnungen günstig hielt. Er mußtemanchen schriftlichen Andrang erdulden, worunter ihm besondersein junger Mann ausfiel, welcher schreibselig-beredt und dabeiso ernstlich durchdrungen von Mißbehagen und selbstischer Qualsich zeigte, daß es unmöglich war, nur irgend eine Persönlichkeitzu denken, wozu diese Seel-Enthüllungen passen möchten. Alleseine wiederholten zudringlichen Aeußerungen waren anziehendund abstoßend zugleich, daß endlich, bei einer immer aufgefor-derten und wieder gedämpften Theilnahme, die Neugier rege