Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Reimen.

Habt ihr gelogen in Wort und Schrift,Andern ist es und euch ein Gift.

X hat sich nie des Wahren beflissen,Im Widersprüche fand er's;

Nun glaubt er alles bester zu wissen,Und weiß es nur anders.

Du hast nicht recht!" Das mag wohl seyn;Doch das zu sagen ist klein;

Habe mehr recht als ich! das wird was seyn.

Da kommen sie von verschiedenen Seiten,Nord, Ost, Süd, West und anderen Weiten,Und klagen diesen und jenen an:

Er habe nicht ihren Willen gethan!

Und was sie dann nicht gelten lassen,

Das sollen die klebrigen gleichfalls hassen;Warum ich aber mich Alten betrübe?

Daß man nicht liebt was ich liebe.

Und doch bleibt was Liebes immer,So im Reden so im Denken,

Wie wir schöne FrauenzimmerMehr als garstige beschenken.

Bleibt so etwas dem wir huld'gen,Wenn wir's auch nicht recht begreifen;Wir erkennen, wir entschuldigen,Mögen nicht zur Seite weichen.

Sagt! wie könnten wir das WahreDenn es ist uns ungelegenNiederlegen auf die Bahre,

Daß es nie sich möchte regen?"

Diese Mühe wird nicht groß seynCultivirten deutschen Orten;Wollt ihr es auf ewig los seyn,So erstickt es nur mit Worten.

Immer muß man wiederholen:Wie ich sage, so ich denke!Wenn ich diesen, jenen kränke,Kränk' auch er mich nnverholen.

Störet ja mir sagt's die ZeitungUnverletzten würd'gen Ortes,

Dieser jenem, hest'gen Wortes,

Die beliebige Bereitung.

Was der eine will bereiten,

Einem andern will's nicht gelten;Hüben, drüben muß man schelten:Das ist nun der Geist der Zeiten.

Läßt mich das Alter im Stich?Bin ich wieder ein Kind?

Ich weiß nicht, ob ichOder die andern verrückt sind.

Sag' nur, warum du in manchem FalleSo ganz untröstlich bist?"

Die Menschen bemühen sich alleUmzuthun, was gethan ist.

Und wenn was umzuthun wäre,Das würde wohl auch gethan;

Ich frage dich bei Wort und Ehre,Wo fangen wir's an?"

Umstülpen führt nicht in's Weite;Wir kehren, frank und froh,

Den Strumpf auf die linke Seite,Und tragen ihn so.

Und sollen das Falsche sie umthun,

So fangen sie wieder von vornen an;

Sie lassen immer das Wahre ruhn,

Und meinen, mit Falschem wär's auch gethan.

Da steht man denn von neuem still,Warum das auch nicht gehen will.

Niemand muß herein rennenAuch mit den besten Gaben;

Sollen's die Deutschen mit Dank erkennen,So wollen sie Zeit haben.

Das Tüchtige, und wenn auch falsch,Wirkt Tag für Tag, von Haus zu Haus;Das Tüchtige, wenn's wahrhaft ist,Wirkt über alle Zeiten hinaus.