Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Reimen.

„So laß doch auch noch diese gelten,

Bist ja im Urtheil sonst gelind!"

Sie sollen nicht die schlechten Dichter schelten,Da sie nicht vielmal besser sind.

Deinen Vortheil zwar verstehst du,Doch verstehst nicht aufzuräumen;Haß und Widerwillen sä'st du,Und dergleichen wird auch keimen.

Will einer sich gewöhnen,

So sey's zum Guten, zum Schönen.

Man thue nur das Rechte,

Am Ende duckt, am Ende dient der Schlechte.

Es darf sich einer wenig bücken,

So hockt mit einem leichten SprungDer Teufel gleich dem Teufel auf den Rücken.

Schilt nicht den Schelmen, der eifrig bemüht,Bald so, bald so sich zu wenden:

Wenn er den Teufel am Schwänze zieht,

Ihm bleibt ein Haar in den Händen.

So sehr es auch widert, so sehr es auch stinkt —Man kann es immer nicht wissen —

Es wird vielleicht, wenn es glückt und gelingt,Für Moschus gelten müssen.

„Der Mond soll im Kalender stehn;

Doch auf den Straßen ist er nicht zu sehn!Warum darauf die Polizei nicht achtet!"Mein Freund, urtheile nicht so schnell!

Du thust gewaltig klug und hell,

Wenn es in deinem Kopfe nachtet.

O ihr Tags- und Splitterrichter,Splittert nur nicht alles klein!

Denn, fürwahr! der schlechtste DichterWird noch euer Meister seyn.

Habe nichts dagegen, daß ihm so sey;Aber daß mich's erfreut,

Das müßt' ich lügen.

Eh ich's verstand, da sprach ich frei,Und jetzt versteh' ich mancherlei:Warum sollt' ich nun schweigen,

Uns neuen Weg zu zeigen?

Das ist doch nur der alte Dreck;Werdet doch gescheidter!

Tretet nicht immer denselben Fleck,So geht doch weiter!

Viel Wundercuren gibt's jetzunder,Bedenkliche, gesteh' ich's frei!

Natur und Kunst thun große Wunder,Und es giebt Schelme nebenbei.

Mit diesen Menschen umzugehenIst wahrlich keine große Last:

Sie werden dich recht gut verstehen,Wenn du sie nur zum Besten hast.

O Welt, vor deinem häßlichen SchlundWird guter Wille selbst zunichte.

Scheint das Licht auf einen schwarzen Grund,So sieht man nichts mehr von dem Lichte.

Mit Liebe nicht, nur mit RespectWerden wir uns mit dir vereinen.O Sonne, thätest du deinen Effect,Ohne zu scheinen!

Sie thäten gern große Männer verehren,Wenn diese nur auch zugleich Lumpe wären.

Wie mancher auf der Geige fiedelt,Meint er, er habe sich angesiedelt;Auch in natürlicher WissenschaftDa übt er seine geringe Kraft,

Und glaubt auf seiner ViolinEin anderer, dritter Orpheus zu syn.Jeder streicht zu, versucht sein Glück,Es ist zuletzt eine Katzenmusik.

Alles will reden,

Jeder will wandeln.

Ich allein soll nicht sprechenNoch wandeln.

Sie kauen längst an dem schlechten Bissen;Wir spaßen, die wir's besser wissen.