Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Sprüche in Prosa.

271

Es ist eine Eigenheit, dem Menschen angeboren und mit seinerNatur innigst verwebt, daß ihm zur Erkenntniß das Nächste nichtgenügt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden,im Augenblick das Nächste ist, und wir von ihr fordern können,daß sie sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie dringen.

Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegenihre Natur ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen können,wenn sie an Ort und Stelle irgend ein Wahres erkannt haben,es nicht nur mit dem Nächsten, sondern auch mit dem Weitestenund Fernsten zusammenzuhängen, woraus denn Irrthum überIrrthum entspringt. Das nahe Phänomen hängt aber mit demfernen nur in dem Sinne zusammen, daß sich alles auf wenigegroße Gesetze bezieht, die sich überall manifeststen.

Was ist das Allgemeine?Der einzelne Fall.

Was ist das Besondere?Millionen Fälle.

Die Analogie hat zwei Berirrungen zu fürchten: einmal sichdem Witz hinzugeben, wo sie in Nichts zerfließt; die andere, sichmit Tropen und Gleichnissen zu umhüllen, welches jedoch wenigerschädlich ist.

Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaftzu dulden. Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie zuNutz und Freude der Welt zu behandeln. Der wissenschaftlicheMann beschränke sich auf die nächste klarste Gegenwart. Wolltederselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten, so sey ihm jenesauch nicht verwehrt.

Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als un-abhängig von einander und suche sie gewaltsam zu isoliren; dannbetrachte ich sie als Correjate, und sie verbinden sich zu einementschiedenen Leben. Dießchezieh' ich vorzüglich auf Natur; aberauch in Bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichteist diese Betrachtungsweise fruchtbar.

Alles, was wir Erfinden, Entdecken im hohem Sinne nen-nen, ist die bedeutende Ausübung, Bethätigung eines originalenWahrheitsgefühles, das, im Stillen längst ausgebildet, unver-sehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntniß führt.Es ist eine aus dem Innern am Aeußern sich entwickelnde Offen-barung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen läßt.Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigenHarmonie des Daseyns die seligste Versicherung giebt.

Der Mensch muß bei dem Glauben verharren, daß das Un-begreifliche begreiflich sey; er würde sonst nicht forschen.

Begreiflich ist jedes Besondere, das sich aus irgend ein Weiseanwenden läßt. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nützlichwerden.

Es giebt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstandinnigst identisch macht, und dadurch zur eigentlichen Theoriewird. Diese Steigerung des geistigen Vermögens aber gehörteiner hochgebildeten Zeit an.

Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und gril-ligen Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und complicirt, ihreHypothesen abstms und wunderlich.

Es giebt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sinddie allerschlimmsten.

Um zu begreifen, daß der Himmel überall blau ist, brauchtman nicht um die Welt zu reisen.

Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen, das Be-sondere ist das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen er-scheinend.

Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben;willst du aber dem Andern und seinen Darstellungen vertrauen,so denke, daß du es nun mit dreien zu thun hast: mit dem Ge-genstand und zwei Subjecten.

Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: sich zu trennen,sich zu vereinen, sich in's Allgemeine zu ergehen, im Besondernzu verharren, sich zu verwandeln, sich zu specificireu, und wiedas Lebendige unter tausend Bedingungen sich drrthun mag,hervorzutreten und zu verschwinden, zu solidesciren und zuschmelzen, zu erstarren und zu fließen, sich auszudehnen und sichzusammenzuziehen. Weil nun alle diese Wirkungen im gleichenZeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicherZeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und Ver-nichten, Geburt und Tod, Freud'und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Maaße; deßwegen dennauch das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild undGleichniß des Allgemeinsten auftritt.

Ist das ganze Daseyn ein ewiges Trennen und Verbinden,so folgt auch, daß die Menschen im Betrachten des ungeheurenZustandes auch bald trennen, bald verbinden werden.

Als getrennt muß ich darstellen: Physik von Mathematik.Jene muß in einer entschiedenen Unabhängigkeit bestehen, und