Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Ethisches.

'Lr-r,x, Hoffnung.

Doch solcher Gränze, solcher ehrnen MauerHöchst widerwärt'ge Pforte wird entriegelt;

Sie stehe nur mit alter Felsendauer!

Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt;

Aus Wolkendecke, Nebel, RegenschauerErhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt;

Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen;Ein Flügelschlag! und hinter uns Aeonen.

Sedrnklichstes.

Gar oft im Laufe des Lebens, mitten in der größten Sicher-heit des Wandels, bemerken wir auf einmal, daß wir in einemIrrthum befangen sind, daß wir uns für Personen, für Gegen-stände einnehmen ließen, ein Verhältniß zu ihnen erträumten,das dem erwachten Auge sogleich verschwindet; und doch könnenwir uns nicht losreißen, eine Macht hält uns fest, die uns unbe-greiflich scheint. Manchmal jedoch kommen wir zum völligenBewußtseyn und begreifen, daß ein Irrthum so gut als einWahres zur Thätigkeit bewegen und antreiben kann. Weil nundie That überall entscheidend ist, so kann aus einem thätigenIrrthum etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedesGethanen in's Unendliche reicht. So ist das Hervorbringen frei-lich immer das Beste, aber auch das Zerstören ist nicht ohneglückliche Folge.

Der wunderbarste Irrthum aber ist derjenige, der sich aufuns selbst und unsere Kräfte bezieht, daß wir uns einem würdi-gen Geschäft, einem ehrsamen Unternehmen widmen, dem wirnicht gewachsen sind, daß wir nach einem Ziel streben, das wirnie erreichen können. Die daraus entspringende Tantalisch-Si-syphische Qual empfindet jeder nur um desto bitterer, je redlicherer es meinte. Und doch sehr oft, wenn wir uns von dem Beab-sichtigten für ewig getrennt sehen, haben wir schon auf unsermWege irgend ein anderes Wllnschenswerthe gefunden, etwasuns Gemäßes, mit dem uns zu begnügen wir eigentlich ge-boren sind.

Naturphilosophie.

Eine Stelle in d'Alembert's Einleitung in das große Franzö-sische cncyclopädische Werk, deren Uebersetzung hier einzurückender Platz verbietet, war uns von großer Wichtigkeit; sie beginntSeite X der Quartausgabe mit den Worten: 1'6§srä des

seienoes inntüvinntiiques, und endigt Seite XI: etsnckn 8vnäoinaine. Ihr Ende, sich an den Anfang anschließend, umfaßtdie große Wahrheit: daß auf Inhalt, Gehalt und Tüchtigkeiteines zuerst aufgestellten Grundsatzes und auf der Reinheit desVorsatzes alles in den Wissenschaften beruhe. Auch wir sindüberzeugt, daß dieses große Erforderniß nicht bloß in mathema-tischen Fällen, sondern überall in Wissenschaften, Künsten, wieim Leben stattfinden müsse.

Man kann nicht genug wiederholen: der Dichter so wie derbildende Künstler solle zuerst aufmerken, ob der Gegenstand, dener zu behandeln unternimmt, von der Art sey, daß sich ein man-nichfaltiges, vollständiges, hinreichendes Werk daraus entwickelnkönne. Wird dieses versäumt, so ist alles übrige Bestreben völligvergebens: Sylbenfuß und Reimwort, Pinselstrich und Meißel-hieb sind umsonst verschwendet; und wenn sogar eine meisterhafteAusführung den geistreichen Beschauer auch einige Augenblickebestechen könnte, so wird er doch das Geistlose, woran allesFalsche krankt, gar bald empfinden.

Also kommt wie bei der künstlerischen, so bei der naturwis-senschaftlichen , auch bei der mathematischen Behandlung Allesan auf das Grundwahre, dessen Entwicklung sich nicht so leichtin der Speculation als in der Praxis zeigt: denn diese ist derPrüfstein des vom Geist Empfangenen, des von dem innernSinn für wahr Gehaltenen. Wenn der Mann, überzeugt vondem Gehalt seiner Vorsätze, sich nach außen wendet und von derWelt verlangt, nicht etwa nur daß sie mit seinen Vorstellungenübereinkommen solle, sondern daß sie sich nach ihm bequemen,ihnen gehorchen, sie realisiren müsse; dann ergiebt sich erst fürihn die wichtige Erfahrung, ob er sich in seinem Unternehmengeirrt, oder ob seine Zeit das Wahre nicht erkennen mag.

Durchaus aber bleibt ein Hauptkennzeichen, woran das Wahrevom Blendwerk am sichersten zu unterscheiden ist: jenes wirktimmer fruchtbar und begünstigt den, der es besitzt und hegt; da-hingegen das Falsche an und für sich todt und fruchtlos daliegt,ja sogar wie eine Nekrose anzusehen ist, wo der absterbende Theilden lebendigen hindert die Heilung zu vollbringen.