West-östlicher Diva».
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Geständnis
Was ist schwer zu verbergen? Das Feuer!Denn bei Tage verräth's der Rauch,
Bei Nacht die Flamme, das Ungeheuer.Ferner ist schwer zu verbergen auchDie Liebe; noch so stille gehegt,
Sie doch gar leicht aus den Augen schlägt.Am schwersten zu bergen ist ein Gedicht,Man stellt es untern Scheffel nicht.
Hat es der Dichter frisch gesungen,
So ist er ganz davon durchdrungen,
Hat er es zierlich nett geschrieben,
Will er, die ganze Welt soll's lieben.
Er lieft es jedem froh und laut;
Ob es uns quält, ob es erbaut.
Elemente.
Aus wie vielen ElementenSoll ein ächtes Lied sich nähren,
Daß es Laien gern empfinden,
Meister es mit Freuden hören?
Liebe sey vor allen DingenUnser Thema, wenn wir singen;
Kann sie gar das Lied durchdringen,Wird's um desto besser klingen.
Dann muß Klang der Gläser tönen,Und Rubin des Weins erglänzen:Denn für Liebende, für Trinker,
Winkt man mit den schönsten Kränzen.
Waffenklang wird auch gefodert,
Daß auch die Drommete schmettre;Daß, wenn Glück zu Flammen lodert,Sich im Sieg der Held vergöttre.
Dann zuletzt ist unerläßlich,
Daß der Dichter manches hasse;
Was unleidlich ist und häßlichNicht wie Schönes leben lasse.
Weiß der Sänger dieser ViereUrgewalt'gen Stoff zu mischen,
Hafis gleich wird er die VölkerEwig freuen und erfrischen.
Erschaffen und Seleben.
Hans Adam war ein Erdenkloß,
Den Gott zum Menschen machte,
Doch bracht' er aus der Mutter SchooßNoch vieles Ungeschlachte.
Die Elohim zur Naf hineinDen besten Geist ihm bliesen;
Nun schien er schon was mehr zu seyn,Denn er fing an zu niesen.
Doch mit Gebein und Glied und KopfBlieb er ein halber Klumpen,
Bis endlich Noah für den TropfDas Wahre fand, den Humpen.
Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung,Sobald er sich benetzet,
So wie der Teig durch SäuerungSich in Bewegung setzet.
So, Hafis, mag dein holder Sang,
Dein heiliges Exempel
Uns führen, bei der Gläser Klang,
Zu unsres Schöpfers Tempel.
Phänomen.
Wenn zu der RegenwandPhöbus sich gattet,
Gleich steht ein BogenrandFarbig beschattet.
Im Nebel gleichen KreisSeh' ich gezogen,
Zwar ist der Bogen weiß,Doch Himmelsbogen.
So sollst du, muntrer Greis,Dich nicht betrüben;
Sind gleich die Haare weiß,Doch wirst du lieben.
Liebliches.
Was doch Buntes dort verbindetMir den Himmel mit der Höhe?Morgennebelung »erblindetMir des Blickes scharfe Sehe.
Sind es Zelte des Vesires,
Die er lieben Frauen baute?
Sind es Teppiche des Festes,
Weil er sich der Liebsten traute?
Roth und weiß, gemischt, gesprenkelt,Müßt' ich Schönres nicht zu schauen;Doch wie, Hafis, kommt dein SchirasAuf des Nordens trübe Gauen?