Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West. östlicher Divan.

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Schlangengift und Theriak mußIhm das eine wie das andre scheinen.Todten wird nicht jenes, dieß nicht heilen:Denn das wahre Leben ist des HandelnsEw'ge Unschuld, die sich so erweiset,

Daß sie niemand schadet als sich selber.

Und so kann der alte Dichter hoffen,

Daß die Huris ihn im Paradiese

Als verklärten Jüngling wohl empfangen.

Heiliger Ebusuud, hast's getroffen!

Fetwa.

Der Mufti las des Misri GedichteEins nach dem andern, alle zusammen,

Und wohlbedächtig warf sie in die Flammen,Das schöngeschriebne Buch es ging zunichte.

Verbrannt sey jeder, sprach der hohe Richter,Wer spricht und glaubt wie Misri er alleinSey ausgenommen von des Feuers Pein;Denn Allah gab die Gabe jedem Dichter;Mißbraucht er sie im Wandel seiner Sünden,So seh' er zu, mit Gott sich abzufinden.

Unbegränzt.

Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß,Und daß du nie beginnst, das ist dein Loos.

Dein Lied ist drohend wie das Sterngewölbe,Anfang und Ende immerfort dasselbe,

Und was die Mitte bringt, ist offenbarDas, was zu Ende bleibt und Anfangs war.

Du bist der Freuden ächte Dichterquelle,

Und ungezählt entfließt dir Well' auf Welle.Zum Küssen stets bereiter Mund,

Ein Brustgesang, der lieblich fließet,

Zum Trinken stets gereizter Schlund,

Ein gutes Herz, das sich ergießet.

Und mag die ganze Welt versinken,

Hafis, mit dir, mit dir alleinWill ich wetteifern! Lust und PeinSey uns den Zwillingen gemein!

Wie du zu lieben und zu trinken,

Das soll mein Stolz, mein Leben seyn.

Nachbildung.

In deine Reimart hoff' ich mich zu finden;

Das Wiederholen soll mir auch gefallen,

Erst werd' ich Sinn, sodann auch Worte finden;Zum zweitenmal soll mir kein Klang erschallen,

Er müßte denn besondern Sinn begründen,

Wie du's vermagst, Begünstigter vor Allen!

Denn wie ein Funke fähig zu entzündenDie Kaiserstadt, wenn Flammen grimmig wallen,Sich winderzeugend, glühn von eignen Winden,Er, schon erloschen, schwand zu Sternenhallen;

So schlang's von dir sich fort mit ew'gen Gluthen,Ein deutsches Herz von frischem zu ermuthen.

Zugemeßne Rhythmen reizen freilich,

Das Talent erfreut sich wohl darin;

Doch wie schnelle widern sie abscheulich,

Hohle Masken ohne Blut und Sinn.

Selbst der Geist erscheint sich nicht erfreulich,Wenn er nicht, auf neue Form bedacht,

Jener todten Form ein Ende macht.

Än Hafis.

Hafis, dir sich gleich zu stellen,

Welch ein Wahn!

Rauscht doch wohl auf MeereswellenRasch ein Schiff hinan,

Fühlet seine Segel schwellen,Wandelt kühn und stolz;

Will's der Ocean zerschellen,Schwimmt's ein morsches Holz.

Dir in Liedern, leichten, schnellen,Wallet kühle Fluth,

Siedet auf zu Feuerwellen;

Mich verschlingt die Muth!

Doch mir will ein Dünkel schwellen,Der mir Kühnheit giebt;

Hab' doch auch im sonnenhellenLand gelebt, geliebt!

Offenbar Geheimniß.

Sie haben dich, heiliger Hafis,

Die mystische Zunge genannt,

Und haben, die Wortgelehrten,

Den Werth des Worts nicht erkannt.

Mystisch heißest du ihnen.

Weil sie Närrisches bei dir denken,Und ihren unlauter» WeinIn deinem Namen verschenken.

Nun töne, Lied, mit eignem Feuer!Denn du bist älter, du bist neuer.