Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West «östlicher Divan.

Und küsst ich Stirne, Bogen, Auge, Mund,Dann bin ich frisch und immer wieder wund.Der fiinfgezackte Kamm, wo sollt' er stocken?Er kehrt schon wieder zu den Locken.

Das Ohr versagt sich nicht dem Spiel,

Hier ist nicht Fleisch, hier ist nicht Haut,

So zart zum Scherz, so liebeviel!

Doch wie man auf dem Köpfchen kraut,

Man wird in solchen reichen HaarenFür ewig auf und nieder fahren.

So hast du, Hafis, auch gethan,

Wir fangen es von vornen an.

Bedenklich.

Soll ich von Smaragden reden,

Die dein Finger niedlich zeigt?Manchmal ist ein Wort vonnöthen,Oft ist's besser, daß man schweigt.

Also sag' ich, daß die FarbeGrün und augerqnicklich sey!

Sage nicht, daß Schmerz und NarbeZu befürchten nah dabei.

Immerhin! du magst es lesen!Warum übst du solche Macht!

„So gefährlich ist dein Wesen,

Als erquicklich der Smaragd."

Liebchen, ach! im starren BandeZwängen sich die freien Lieder,Die ini reinen HimmelslandeMunter flogen hin und wieder.Allem ist die Zeit verderblich,Sie erhalten sich allein!

Jede Zeile soll unsterblich,

Ewig wie die Liebe seyn.

Was wird mir jede Stunde so bang? —Das Leben ist kurz, der Tag ist lang.Und immer sehnt sich fort das Herz,

Ich weiß nicht recht, ob himmelwärts;Fort aber will es hin und hin,

Und möchte vor sich selber fliehn.

Und fliegt es an der Liebsten Brust,

Da ruht's im Himmel unbewußt;

Der Lebestrudel reißt es fortUnd immer hängt's an Einem Ort;Was es gewollt, was es verlor,

Es bleibt zuletzt sein eigner Thor.

Schlechter Trost.

Mitternachts weint' und schluchzt' ich,Weil ich dein entbehrte.

Da kamen NachtgespensterUnd ich schämte mich.

Nachtgespenster, sagt' ich,

Schluchzend und weinendFindet ihr mich, dem ihr sonstSchlafendem vorüberzogt.

Große Güter vermisst ich.

Denkt nicht schlimmer von mir,

Den ihr sonst weise nanntet;

Großes Uebel betrifft ihn! —

Und die NachtgespensterMit langen GesichternZogen vorbei,

Ob ich weise oder thörig,

Völlig unbekümmert.

Genügsam.

„Wie irrig wähnest du,

Aus Liebe gehöre das Mädchen dir zu.Das könnte mich nun gar nicht freuen,Sie versteht sich auf Schmeicheleien."

Dichter.

Ich bin zufrieden, daß ich's habe!

Mir diene zur Entschuldigung:

Liebe ist freiwillige Gabe,

Schmeichelei Huldigung.

Gruß.

O wie selig ward mir!

Im Lande wandl' ich,

Wo Hudhud über den Weg läuft.Des alten Meeres MuschelnIm Stein sucht' ich, die versteinten;Hudhud lief einherDie Krone entfaltend;

Stolzirte, neckischer Art,

Ueber das Todte scherzendDer Lebend'ge.

Hudhud, sagt' ich, fürwahr!

Ein schöner Vogel bist du.

Eile doch, Wiedehopf!

Eile, der GeliebtenZu verkünden, daß ich ihrEwig angehöre.

Hast du doch auchZwischen SalomoUnd Saba's KöniginEhemals den Kuppler gemacht!