Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West-östlicher Divan.

299

Rendsch Nameh.

Buch des Unmuths.

Wo hast du das genommen?Wie konnt' es zu dir kommen?Wie aus dem LebensplunderErwarbst du diesen Zunder,

Der Funken letzte GluthenVon frischem zu ermuthen?"

Euch mög' es nicht bediinkeln,

Es sey gemeines Funkeln;

Auf ungemeßner Feme,

Im Ocean der Steme,

Mich hatt' ich nicht verloren,

Ich war wie neu geboren.

Von weißer Schafe WogenDie Hügel überzogen,

Umsorgt von ernsten Hirten,

Die gern und schmal bewirthen,So ruhig liebe Leute,

Daß jeder mich erfreute.

In schauerlichen Nächten,Bedrohet von Gefechten;

Das Stöhnen der KameeleDurchdrang das Ohr, die Seele,Und derer, die sie führen,Einbildung und Stolziren.

Und immer ging es weiter.

Und immer ward es breiter,

Und unser ganzes ZiehenEs schien ein ewig Fliehen,Blau, hinter Wüst' und Heere,Der Streif erlogner Meere.

Keinen Reimer wird mau finden.Der sich nicht den besten hielte,Keinen Fiedler, der nicht lieberEigne Melodien spielte.

Und ich konnte sie nicht tadeln;Wenn wir Andern Ehre geben,Müssen wir uns selbst entadeln;

Lebt man denn, wenn Andre leben?

'Und so fand ich's denn auch justeIn gewissen Antichambern,

Wo man nicht zu sondern wußteMäusedreck von Koriander».

Das Gewes'ne wollte hassenSolche rüstige neue Besen,

Diese dann nicht gelten lassen,Was sonst Besen war gewesen.

Und wo sich die Völker trennen,Gegenseitig im Verachten,

Keins von beiden wird bekennen,Daß sie nach demselben trachten.

Und das grobe SclbstempfindenHaben Leute hart gescholten,

Die am wenigsten verwinden,Wenn die Andem was gegolten.

Mit der Deutschen FreundschaftHat's keine Noth,

Aergerlichster FeindschaftSteht Höflichkeit zu Gebot;

Je sanfter sie sich erwiesen,

Hab' ich immer frisch gedroht,

Ließ mich nicht verdrießenTrübes Morgen - und Abendroth;Ließ die Wasser fließen,

Fließen zu Freud' und Noth.

Aber mit allem diesenBlieb ich mir selbst zu Gebot:

Sie alle wollten genießen,

Was ihnen die Stunde bot;Ihnen hab' ich's nicht verwiesen,Jeder hat seine Noth.

Sie lassen mich alle grüßen,

Und hassen mich bis in Tod.

Befindet sich einer heiter und gut,Gleich will ihn der Nachbar peinigen;So lang der Tüchtige lebt und thut,Möchten sie ihn gerne steinigen.

Ist er hinterher aber todt,

Gleich sammeln sie große Spenden,Zu Ehren seiner LebensnothEin Denkmal zu vollenden;

Doch ihren Vortheil sollte dannDie Menge wohl ermessen;Gescheidter wär's, den guten MannAuf immerdar vergessen.