Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West-östlicher Diva».

Medschnun heißt ich will nicht sagen,Daß es grad' ein Toller heiße;

Doch ihr müßt mich nicht verklagen,

Daß ich mich als Medschnun preise.

Wenn die Brust, die redlich volle.

Sich entladet, euch zu retten,

Ruft ihr nicht: Das ist der Tolle!

Holet Stricke, schaffet Ketten!

Und wenn ihr zuletzt in FesselnSeht die Klügeren verschmachten,

Sengt es euch wie Feuernesseln,

Das vergebens zu betrachten.

Hab' ich euch denn je gerathen,

Wie ihr Kriege führen solltet?Schalt ich euch, nach euren Thaten,Wenn ihr Friede schließen wolltet?

Und so hab' ich auch den FischerRuhig sehen Netze werfen,

Brauchte dem gewandten TischerWinkelmaaß nicht einzuschärfen.

Aber ihr wollt bester wissen,

Was ich weiß, der ich bedachte,Was Natur, für mich beflissen,Schon zu meinem Eigen machte.

Fühlt ihr euch dergleichen Stärke,Nun, so fördert eure Sachen!

Seht ihr aber meine Werke,

Lernet erst: So wollt' er's machen.

Wanderers Gemüthsruhe.

Ueber's NiederträchtigeNiemand sich beklage;

Denn es ist das Mächtige,

Was man dir auch sage.

In dem Schlechten waltet esSich zu Hochgewinne,

Und mit Rechtem schaltet esGanz nach seinem Sinne.

Wandrer! Gegen solche NothWolltest du dich sträuben?Wirbelwind und trocknen Koth,Laß sie drehn und stäuben.

Wer wird von der Welt verlangen,Was sie selbst vermißt und träumet?Rückwärts oder seitwärts blickendStets den Tag des Tags versäumet?Ihr Bemühn, ihr guter Wille,

Hinkt nur nach dem raschen Leben,Und was du vor Jahren brauchtest,Möchte sie dir heute geben.

Sich selbst zu loben ist ein Fehler,

Doch jeder thut's, der etwas Gutes thut;Und ist er dann in Worten kein Verhehlen,Das Gute bleibt doch immer gut.

Laßt doch, ihr Narren, doch die FreudeDem Weisen, der sich weise hält,

Daß er, ein Narr wie ihr, vergeudeDen abgeschmackten Dank der Welt.

Glaubst du denn, von Mund zu OhrSey ein redlicher Gewinnst?Ueberliefrung, o du Thor,

Ist auch wohl ein Hirngespinnst!Nun geht erst das Urtheil an;

Dich vermag aus GlaubenskettenDer Verstand allein zu retten,

Dem du schon Verzicht gethan.

Und wer franzet oder brütet,Jtaliänert oder teutschet,

Einer will nur wie der Andre,

Was die Eigenliebe heischet.

Denn es ist kein Anerkennen,

Weder Vieler, noch des Einen,Wenn es nicht am Tage fördert,Wo man selbst was möchte scheinen.

Morgen habe denn das RechteSeine Freunde wohlgesinnet,

Wenn nur heute noch das SchlechteBollen Platz und Gunst gewinnet.

Wer nicht von dreitausend JahrenSich weiß Rechenschaft zu geben,Bleib' im Dunkeln unerfahren,Mag von Tag zu Tage leben.

Sonst, wenn man den heiligen Koran citirte,Nannte man die Sure, den Vers dazu,

Und jeder Moslim, wie sich's gebührte,Fühlte sein Gewissen in Respect und Ruh.