Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West. östlicher Dir»«.

303

Was klagst du über Feinde?

Sollten solche je werden Freunde,Denen das Wesen, wie du bist,

Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?

Dümmer ist nichts zu ertragen,

Als wenn Dumme sagen den Weisen,Daß sie sich in großen TagenSollten bescheidentlich erweisen.

Wenn Gott so schlechter Nachbar wäre,Als ich bin und als du bist,

Wir hätten beide wenig Ehre;

Der läßt einen jeden, wie er ist.

Gesteht's! die Dichter des OrientsSind größer als wir des Occidents.Worin wir sie aber völlig erreichen,Das ist im Haß auf unsres Gleichen.

Ueberall will jeder obenauf sehn,Wie's eben in der Welt so geht.Jeder sollte freilich grob sehn,

Aber nur in dem, was er versteht.

Verschon' uns Gott mit deinem Grimme!Zaunkönige gewinnen Stimme.

Will der Neid sich doch zerreißen,Laß ihn seinen Hunger speisen.

Sich im Respect zu erhalten,Muß man recht borstig seyn.Alles jagt man mit Falken,Nur nicht das wilde Schwein.

Was hilft's dem Pfaffenorden,Der mir den Weg verrannt?Was nicht gerade erfaßt worden,Wird auch schief nicht erkannt.

Einen Helden mit Lust preisen und nennenWird jeder, der selbst als Kühner stritt.

Des Menschen Werth kann niemand erkennen,Der nicht selbst Hitze und Kälte litt.

Gutes thu' rein aus des Guten Liebe!Was du thust, verbleibt dir nicht;Und wenn es auch dir verbliebe,Bleibt es deinen Kindern nicht.

Soll man dich nicht auf's schmählichste berauben,Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben.

Wie kommt's, daß man an jedem OrteSo viel Gutes, so viel Dummes hört?

Die Jüngsten wiederholen der Aeltesten Worte,Und glauben, daß es ihnen angehört.

Laß dich nur in keiner ZeitZum Widerspruch verleiten!

Weise fallen in Unwissenheit,Wenn sie mit Unwissenden streiten.

Warum ist Wahrheit fern und weit?Birgt sich hinab in tiefste Gründe?"

Niemand verstehet zur rechten Zeit!Wenn man zur rechten Zeit verstünde,So wäre Wahrheit nah und breit,

Und wäre lieblich und gelinde.

Was willst du untersuchen,Wohin die Milde fließt!

Jn's Wasser wirf deine Kuchen;Wer weiß, wer sie genießt?

Als ich einmal eine Spinne erschlagen,Dacht' ich, ob ich das wohl gesollt?Hat Gott ihr doch wie mir gewolltEinen Antheil an diesen Tagen!

Dunkel ist die Nacht, bei Gott ist Licht."Warum hat er uns nicht auch so zugericht?

Welch eine bunte Gemeinde!

An Gottes Tisch sitzen Freund' und Feinde.

Ihr nennt mich einen kargen Mann;Gebt mir, tvas ich verprassen kann.