West-östlicher Divan.
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Vertrauter.
Du hast so manche Bitte gewährtUnd wenn sie dir auch schädlich war;Der gute Mann da hat wenig begehrt,Dabei hat es doch keine Gefahr.
Vesir.
Der gute Mann hat wenig begehrt,Und hätt' ich's ihm sogleich gewährt,Er auf der Stelle verloren war.
Schlimm ist es, wie doch wohl geschieht,
Wenn Wahrheit sich nach dem Irrthum zieht;
Das ist auch manchmal ihr Behagen;
Wer wird so schöne Frau befragen?
Herr Irrthum, wollt' er an Wahrheit sich schließen,Das sollte Frau Wahrheit baß verdrießen.
Wisse, daß mir sehr mißfällt,
Wenn so viele singen und reden!
Wer treibt die Dichtkunst aus der Welt?
Die Poeten!
Timiir Nameh.
Buch des Timur.
Der Winter und Timur.
So umgab sie nun der WinterMit gewalt'gem Grimme. StreuendSeinen Eishauch zwischen alle,
Hetzt er die verschiednen WindeWiderwärtig auf sie ein.
Ueber sie gab er GewaltkraftSeinen frostgespitzten Stürmen,
Stieg in Timur's Rath hernieder,Schrie ihn drohend an und sprach so:Leise, langsam, Unglücksel'ger!
Wandle du, Tyrann des Unrechts;Sollen länger noch die HerzenSengen, brennen deinen Flammen?Bist du der verdammten GeisterEiner, wohl! ich bin der andre.
Du bist Greis! ich auch! erstarrenMachen wir so Land als Menschen.Mars! du bist's! ich bin Saturnus,Uebelthäüge Gestirne,
Im Verein die schrecklichsten.
Tödtest du die Seele, killtestDu den Luftkreis; meine LüfteSind noch kälter, als du seyn kannst.Quälen deine wilden HeereGläubige mit tausend Martern;
Wohl, in meinen Tagen soll sich,
Geb' es Gott! was Schlimm'res finden.
Und bei Gott! dir schenk' ich Nichts.Hör' es Gott, was ich dir biete!
Ja bei Gott! von TodeskälteNicht, o Greis, vertheid'gen soll dichBreite Kohlengluth vom Herde,Keine Flamme des Decembers.
Än Zuleika.
Dir mit Wohlgeruch zu kosen,Deine Freuden zu erhöhn,Knospend müssen tausend RosenErst in Gluthen untergehn.
Um ein Fläschchen zu besitzen,Das den Ruch auf ewig hält,Schlank wie deine Fingerspitzen,Da bedarf es einer Welt;
Einer Welt von Lebenstrieben,Die, in ihrer Fülle Drang,Ahmten schon Bulbuls Lieben,Ekelerregenden Gesang.
Sollte jene Qual uns quälen,Da sie unsre Lust vermehrt?
Hat nicht Myriaden SeelenTimur's Herrschaft aufgezehrt?
Goethe, Werke. I.
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