Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

West« Mich» Divan.

Suletka.

War Hatem lange doch entfernt,

Das Mädchen hatte was gelernt,

Von ihm war sie so schön gelobt,

Da hat die Trennung sich erprobt.Wohl, daß sie dir nicht fremde scheinen;Sie sind Suleika's, sind die deinen!

Behramgur, sagt man, hat den Reim erfunden,Er sprach entzückt aus reiner Seele Drang;Dilaram schnell, die Freundin seiner Stunden,Erwiederte mit gleichem Wort und Klang.

Und so, Geliebte, warst du mir beschicken,

Des Reims zu finden holden Lustgebrauch,

Daß auch Behramgur ich, den Sassanidcn,

Nicht mehr beneiden darf: mir ward es auch.

Hast mir dieß Buch geweckt, du hast's gegeben;Denn was ich froh, aus vollem Herzen sprach,

Das klang zurück aus deinem holden Leben,

Wie Blick dem Blick, so Reim dem Reime nach.

Nun tön' es fort zu dir, auch aus der Ferne!

Das Wort erreicht, und schwände Ton und Schall.Jst's nicht der Mantel noch gesä'ter Sterne?

Jst's nicht der Liebe hochverklärtes All?

Deinem Blick mich zu bequemen,Deinem Munde, deiner Brust,

Deine Stimme zu vernehmen,

War die letzt' und erste Lust.

Gestern, ach, war sie die letzte,

Dann verlosch mir Leucht' und Feuer,Jeder Scherz, der mich ergötzte,

Wird nun schuldenschwer und theuer.

Eh' es Allah nicht gefällt,

Uns auf's neue zu vereinen,

Giebt mir Sonne, Mond und WeltNur Gelegenheit zum Weinen.

Laßt mich weinen! umschränkt von Nacht,

In unendlicher Wüste.

Kameele ruhn, die Treiber deßgleichen,

Rechnend still wacht der Armenier;

Ich aber neben ihm berechne die Meilen,

Die mich von Suleika trennen, wiederholeDie wegverlängernden ärgerlichen Krümmungen.

Laßt mich weinen! das ist keine Schande:Weinende Männer sind gut.

Weinte doch Achill um seine Briseis!

Zkerxes beweinte das unerschlagene Heer!

Ueber den sclbstgemordeten LieblingAlexander weinte!

Laßt mich weinen! Thränen beleben den StaubSchon grunelt's.

Suleika.

Was bedeutet die Bewegung?Bringt der Ost mir frohe Kunde?Seiner Schwingen frische RegungKühlt des Herzens tiefe Wunde.

Kosend spielt er mit dem Staube,Jagt ihn auf in leichten Wölkchen,Treibt zur sichern RebenlaubeDer Insekten frohes Völkchen.

Lindert sanft der Sonne Glühen,Kühlt auch mir die heißen Wangen,Küßt die Reben noch im Fliehen,Die auf Feld und Hügel prangen.

Und mir bringt sein leises FlüsternVon dem Freunde tausend Grüße;Eh' noch diese Hügel düstern,Grüßen mich wohl tausend Küsse.

Und so kannst du weiter ziehen!Diene Freunden und Betrübten.Dort, wo hohe Mauern glühen,Find' ich bald den Vielgeliebten.

Ach, die wahre Herzenskunde,Liebeshauch, erfrischtes LebenWird mir nur aus seinem Munde,Kann mir nur sein Athem geben.

Hochbild.

Die Sonne, Helios der Griechen,

Fährt Prächtig auf der Himmelsbahn,Gewiß, das Weltall zu besiegen,

Blickt er umher, hinab, hinan.

Er sieht die schönste Göttin weinen,

Die Wolkentochter, Himmelskind,

Ihr scheint er nur allein zu scheinen;Für alle heitre Räume blind,

Versenkt er sich in Schmerz und SchauerUnd häufiger quillt ihr Thränenguß:

Er sendet Lust in ihre TrauerUnd jeder Perle Kuß auf Kuß.