Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West.östlicher Divan.

315

Beide sind wir auf der ErdeMusterhaft in Freud' und Qual,Und ein zweites Wort: Es werde!Trennt uns nicht zum zweitenmal.

Vollmondnacht.

Herrin, sag', was heißt das Flüstern?Was bewegt dir leis die Lippen?Lispelst immer vor dich hin,

Lieblicher als Weines Nippen!

Denkst du deinen MundgeschwisternNoch ein Pärchen herzuziehn?

Ich will küssen! Küssen! sagt' ich.

Schau'! Im zweifelhaften DunkelGlühen blühend alle Zweige,

Nieder spielet Stern auf Stern;

Und, smaragden, dnrch's GesträucheTausendfältiger Carfunkel:

Doch dein Geist ist allem fern.

Ich will küssen! Küssen! sagt' ich.

Dein Geliebter, fern, erprobetGleicherweis' im Sauersüßen,

Fühlt ein unglücksel'ges Glück.

Euch im Vollmond zu begrüßenHabt ihr heilig angelobet,

Dieses ist der Augenblick.

Ich will küssen! Küssen! sag' ich.

Geheimschrift.

Laßt euch, o Diplomaten!Recht angelegen seyn,

Und eure PotentatenBerathet rein und sein.Geheimer Chiffern SendungBeschäftige die Welt,

Bis endlich jede WendungSich selbst in's Gleiche stellt.

Mir von der Herrin süßeDie Schiffer ist zur Hand,Woran ich schon genieße,Weil sie die Kunst erfand.

Es ist die LiebesfülleIm lieblichsten Revier,

Der holde, treue Wille,

Wie zwischen mir und ihr.

Von abertausend BlüthenIst es ein bunter Strauß,Bon englischen GemüthenEin vollbewohntes Haus;

Von buntesten GefiedernDer Himmel übersä't,

Ein klingend Meer von LiedernGeruchvoll überweht.

Ist unbedingten StrebensGeheime Doppelschrist,

Die in das Mark des LebensWie Pfeil um Pfeile trifft.

Was ich euch offenbaretWar längst ein frommer Brauch,Und wenn ihr es gewahret,

So schweigt und nutzt es auch.

Mglaiy.

Ein Spiegel, er ist mir geworden,

Ich sehe so gerne hinein,

Als hinge des Kaisers OrdenAn mir mit Doppelschein;

Nicht etwa selbstgefälligSuch' ich mich überall;

Ich bin so gern gesellig,

Und das ist hier der Fall.

Wenn ich nun vor'm Spiegel stehe,Im stillen Wittwerhaus,

Gleich guckt, eh' ich mich versehe,

Das Liebchen mit heraus.

Schnell kehr' ich mich um, und wiederVerschwand sie, die ich sah;

Dann blick' ich in meine Lieder,

Gleich ist sie wieder da.

Die schreib' ich immer schönerUnd mehr nach meinem Sinn,

Trotz Krittler und Verhöhner,

Zu täglichem Gewinn.

Ihr Bild in reichen SchrankenVerh»xlichet sich nur,

In goldnen RosenrankenUnd Rähmchen von Lasur.

Zuleika.

Wie, mit innigstem Behagen,Lied, empfind' ich deinen Sinn!Liebevoll du scheinst zu sagen:Daß ich ihm zur Seite bin.

Daß er ewig mein gedenket,Seiner Liebe SeligkeitImmerdar der Fernen schenket,Die ein Leben ihm geweiht.