Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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West-östlicher Diva».

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,Freund, worin du dich erblickt;Diese Brust, wo deine SiegelKuß auf Kuß hereingedrückt.

Süßes Dichten, lautre WahrheitFesselt mich in Sympathie!

Rein verkörpert Liebesklarheit,

Im Gewand der Poesie.

Laß den Weltenspiegel Alexandern;

Denn was zeigt er? Da und dortStille Völker, die er mit den andernZwingend rütteln möchte fort und fort.

Du! nicht weiter, nicht zu Fremdem strebe!Singe mir, die du dir eigen sangst.

Denke, daß ich liebe, daß ich lebe,

Denke, daß du mich bezwängst!

Die Welt durchaus ist lieblich anzuschauen,Vorzüglich aber schön die Welt der Dichter;Aus bunten, hellen oder silbergrauenGefilden, Tag und Nacht, erglänzen Lichter.Heut ist mir alles herrlich; wenn's nur bliebe!Ich sehe heut durch's Augenglas der Liebe.

Nicht mehr auf SeidenblattSchreib' ich symmetrische Reime,

Nicht mehr fasst ich sieIn goldne Ranken;

Dem Staub, dem beweglichen, eingezeichnet,Ueberweht sie der Wind, aber die Kraft bestehtBis zum Mittelpunkt der Erde,

Dem Boden angebannt.

Und der Wandrer wird kommen,

Der Liebende. Betritt erDiese Stelle, ihm zuckt'sDurch alle Glieder.

Hier! Vor mir liebte der Liebende.

War es Medschnun, der zarte?

Ferhad, der kräftige? Dschemil, der dauernde?Oder von jenen tausendGlücklich-unglücklichen einer?

Er liebte! Ich liebe wie er,

Ich ahn' ihn!"

Suleika, du aber ruhstAuf dem zarten Polster,

Das ich dir bereitet und geschmückt.

Auch dir zuckt's aufweckend durch die Glieder:Er ist's, der mich ruft, Hatem.

Auch ich rufe dir, o Hatem! Hatem!"

In tausend Formen magst du dich verstecken,Doch, Allerliebste, gleich erkenn' ich dich;

Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,Allgegenwärtige, gleich erkenn' ich dich.

An der Cypresse reinstem, jungem Streben,Allschöngewachs'ne, gleich erkenn' ich dich;

In des Canales reinem Wellcnleben,Allschmeichelhafte, wohl erkenn' ich dich.

Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,Allspielende, wie froh erkenn' ich dich!

Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,Allmannichfaltige, dort erkenn' ich dich.

An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,Allbuntbesternte, schön' erkenn' ich dich;

Und greift umher ein tausendarm'ger Eppich,O Allumklammernde, da kenn' ich dich.

Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,Gleich, Allerheiternde, begrüß' ich dich,

Dann über mir der Himmel rein stich ründet,Allherzerweiternde, dann athm' ich dich.

Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,Du Allbelehrende, kenn' ich durch dich;

Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,Mit jedem klingt ein Name nach für dich.