Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Diva».

so giebt es der Einbildungskraft entweder ein widerlich Bild odergar keins.

Daß wir von Wimpern gemordet werden, möchte wohlangehn, aber an Wimpern gespießt seyn, kann uns nicht beha-gen ; wenn ferner Wimpern gar, mit Besen verglichen, die Sternevom Himmel Herabkehren, so wird es uns doch zu bunt. DieStirn der Schönen als Glattstem der Herzen; das Herz desLiebenden als Geschiebe von Thränenbächen fortgerollt und ab-gerundet; dergleichen mehr witzige als gefühlvolle Wagnisse nö-thigen uns ein freundliches Lächeln ab.

Höchst geistreich aber kann genannt werden, wenn der Dich-ter die Feinde des Schahs wieZeltenbehör behandelt wissenwill.

Seyen sie stets wie Späne gespalten, wie Lappen zerrissen!

Wie die Nägel geklopft! und wie die Pfähle gesteckt!

Hier sieht man den Dichter im Hauptquartier; das immerwiederholte Ab- und Aufschlagen des Lagers schwebt ihm vor derSeele.

Aus diesen wenigen Beispielen, die man in's Unendlichevermehren könnte, erhellet, daß keine Gränze zwischen dem, wasin unserm Sinne lobenswürdig und tadelhaft heißen möchte, ge-zogen werden könne, weil ihre Tugenden ganz eigentlich dieBlüthen ihrer Fehler sind. Wollen wir an diesen Prodnctionender herrlichsten Geister Theil nehmen, so müssen wir uns orien-talisiren, der Orient wird nicht zu uns herüber kommen. Undobgleich Uebersetzungen höchst löblich sind, um uns anzulocken,einzuleiten, so ist doch aus allem Vorigen ersichtlich, daß in dieserLiteratur die Sprache als Sprache die erste Rolle spielt. Wermöchte sich nicht mit diesen Schätzen an der Quelle bekanntmachen!

Bedenken wir nun, daß poetische Technik den größten Ein-fluß auf jede Dichtungsweise nothwendig ausübe; so finden wirauch hier, daß die zweizeilig gereimten Verse der Orientalen einenParallelismus fordern, welcher aber, statt den Geist zu sammeln,selben zerstreut, indem der Reim auf ganz fremdartige Gegen-stände hinweist. Dadurch erhalten ihre Gedichte einen Anstrichvon Quodlibet, oder vorgeschriebenen Endreimsti, in welcherArt etwas Vorzügliches zu leisten freilich die ersten Talente ge-fordert werden. Wie nun hierüber die Nation streng geurtheilthat, sieht man daran, daß sie in fünfhundert Jahren nur siebenDichter als ihre Obersten anerkennt.

Warnung.

Auf alles, was wir bisher geäußert, können wir uns wohlberufen, als Zeugniß besten Willens gegen Orientalische Dicht-kunst. Wir dürfen es daher wohl wagen, Männern, deneneigentlich nähere, ja unmittelbare Kenntniß dieser Regionen ge-gönnt ist, mit einer Warnung entgegen zu gehen, welche denZweck, allen möglichen Schaden von einer so guten Sache ab-zuwenden , nicht verläugnen wird.

Jedermann erleichtert sich durch Vergleichung das Urtheil,aber man erschwert sich's auch: denn wenn ein Gleichniß, zuweit durchgeführt, hinkt, so wird ein vergleichendes Urtheil im-mer unpassender, je genauer man es betrachtet. Wir wollen uns

nicht zu weit verlieren, sondern im gegenwärtigen Falle nur soviel sagen: wenn der vortreffliche Jones die orientalischen Dichtermit Lateinern und Griechen vergleicht, so hat er seine Ursachen,das Verhältniß zu England und den dortigen Altcritikern nöthigtihn dazu. Er selbst, in der strengen classischen Schule gebildet,begriff wohl das ausschließende Vorurtheil, das nichts wolltegelten lassen, als was von Rom und Athen her auf uns vererbtworden. Er kannte, schätzte, liebte seinen Orient und wünschteseine Produktionen in Altengland einzuführen, einzuschwär-zen, welches nicht anders als unter dem Stempel des Alter-thums zu bewirken war. Dieses alles ist gegenwärtig ganz un-nöthig, ja schädlich. Wir wissen die Dichtart der Orientalen zuschätzen, wir gestehen ihnen die größten Vorzüge zu, aber mauvergleiche sie mit sich selbst, man ehre sie in ihrem eignen Kreise,und vergesse doch dabei, daß es Griechen und Römer gegeben.

Niemanden verarge man, welchem Horaz bei Hafis einfällt.Hierüber hat ein Kenner sich bewunderungswürdig erklärt, sodaß dieses Verhältniß nunmehr ausgesprochen und für immerabgethan ist. Er sagt nämlich:

„Die Aehnlichkeit Haschens mit Horaz in den Ansichten desLebens ist auffallend, und möchte einzig nur durch die Aehnlich-keit der Zeitalter, in welchen beide Dichter gelebt, wo, bei Zer-störung aller Sicherheit des bürgerlichen Daseyns, der Menschsich auf flüchtigen, gleichsam im Vorübergehen gehaschten Genußdes Lebens beschränkt, zu erklären seyn."

Was wir aber inständig bitten, ist, daß man Firdusi nichtmit Homer vergleiche, weil er in jedem Sinne, dem Stoff, derForm, der Behandlung nach, verlieren muß. Wer sich hiervonüberzeugen will, vergleiche die furchtbare Monotonie der siebenAbenteuer des Jsvendiar mit dem dreiundzwanzigsten Gesangder Jlias, wo, zur Todtenfeier Patroklos', die mannichfaltigstenPreise, von den verschiedenartigsten Helden, auf die verschiedensteArt gewonnen werden. Haben wir Deutsche nicht unsern herr-lichen Nibelungen durch solche Vergleichung den größten Schadengethan? So höchst erfreulich sie sind, wenn man sich in ihrenKreis recht einbürgert und alles vertraulich und dankbar auf-nimmt, so wunderlich erscheinen sie, wenn man sie nach einemMaaßstabe mißt, den man niemals bei ihnen anschlagen sollte.

Es gilt ja schon dasselbe von dem Werke eines einzigen Au-tors, der viel, mannichfaltig und lange geschrieben. Ueberlasseman doch der gemeinen unbehülflichen Menge vergleichend zuloben, zu wählen und zu verwerfen. Aber die Lehrer des Volksmüssen auf einen Standpunkt treten, wo eine allgemeine deut-liche Uebersicht reinem, unbewundenem Urtheil zu statten kommt.

Vergleichung.

Da wir nun so eben bei dem Urtheil über Schriftsteller alleVergleichung abgelehnt, so möchte man sich wundern, wenn wirunmittelbar darauf von einem Falle sprechen, in welchem wirsie zulässig finden. Wir hoffen jedoch, daß man uns diese Aus-nahme darum erlauben werde, weil der Gedanke nicht uns,vielmehr einem Dritten angehört.

Ein Mann, der des Orients Breite, Höhen und Tiefendurchdrungen, findet, daß kein deutscher Schriftsteller sich denöstlichen Poeten und sonstigen Verfassern mehr als Jean Paul