Hermann und Dorothea. 387
Lange Jahre gestockt, und nur sich dürftig bewegte!
Muß ich doch heut' erfahren, was jedem Vater gedroht ist:
Daß den Willen des Sohns, den heftigen, gerne die MutterAllzugelind begünstigt, und jeder Nachbar Partei nimmt.
Wenn es über den Vater nur hergeht oder den Ehmann.
Aber ich will Euch zusammen nicht widerstehen; was hüls es?Denn ich sehe doch schon hier Trotz und Thränen im voraus.Gehet und Prüfet, und bringt in Gottes Namen die TochterMir in's Haus; wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen.
Also der Vater. Es rief der Sohn mit froher Gebärde:Noch vor Abend ist Euch die trefflichste Tochter bescheeret,
Wie sie der Mann sich wünscht, dem ein kluger Sinn in derBrust lebt.
Glücklich ist die Gute dann auch, so darf ich es hoffen.
Ja, sie danket mir ewig, daß ich ihr Vater und MutterWiedergegeben in Euch, so wie sie verständige KinderWünschen. Aber ich zaudre nicht mehr; ich schirre die PferdeGleich und führe die Freunde hinaus, auf die Spur der Geliebten,Ueberlasse die Männer sich selbst und der eigenen Klugheit,Richte, so schwör' ich Euch zu, mich ganz nach ihrer Entscheidung,Und ich seh' es nicht wieder, als bis es mein ist, das Mädchen.Und so ging er hinaus, indessen manches die andernWeislich erwogen und schnell die wichtige Sache besprachen.
Hermann eilte zum Stalle sogleich, wo die muthigen HengsteRuhig standen und rasch den reinen Hafer verzehrten,
Und das trockene Heu, auf der besten Wiese gehauen.
Eilig legt' er ihnen darauf das blanke Gebiß an,
Zog die Riemen sogleich durch die schön versilberten Schnallen,Und befestigte dann die langen, breiteren Zügel,
Führte die Pferde heraus in den Hof, wo der willige Knecht schonVorgeschoben die Kutsche, sie leicht an der Deichsel bewegend.Abgemessen knüpften sie drauf an die Wage mit saubernStricken die rasche Kraft der leichthinziehenden Pferde.
Hermann faßte die Peitsche; dann saß er und rollt' in denThorweg.
Als die Freunde nun gleich die geräumigen Plätze genommen,Rollte der Wagen eilig, und ließ das Pflaster zurücke,
Ließ zurück die Mauern der Stadt und die reinlichen Thürme.So fuhr Hermann dahin, der wohlbekannten Chaussee zu,Rasch, und säumete nicht und fuhr bergan wie bergunter.
Als er aber nunmehr den Thurm des Dorfes erblickte,
Und nicht fern mehr lagen die gartenumgebenen Häuser,
Dacht' er bei sich selbst, nun anzuhalten die Pferde.
Von dem würdigen Dunkel erhabener Linden umschattet,Die Jahrhunderte schon an dieser Stelle gewurzelt,
War mit Rasen bedeckt ein weiter grünender AngerVor dem Dorfe, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort.Flachgegraben befand sich unter den Bäumen ein Brunnen.Stieg man die Stufen hinab, so zeigten sich steinerne Bänke,Rings um die Quelle gesetzt, die immer lebendig hervorquoll,Reinlich, mit niedriger Mauer gefaßt, zu schöpfen bequemlich.Hermann aber beschloß, in diesem Schatten die PferdeMit dem Wagen zu halten. Er that so, und sagte die Worte:Steiget, Freunde, nun aus und geht, damit Ihr erfahret,
Ob das Mädchen auch werth der Hand sey, die ich ihr biete.
Zwar ich glaub' es, und mir erzählt Ihr nichts Neues undSeltnes;
Hätt' ich allein zu thun, so ging' ich behend zu dem Dorf hin,Und mit wenigen Worten entschiede die Gute mein Schicksal.Und Ihr werdet sie bald vor allen andern erkennen;
Denn wohl schwerlich ist an Bildung ihr eine vergleichbar.
Aber ich geb' Euch noch die Zeichen der reinlichen Kleider:
Denn der rothe Latz erhebt den gewölbeten Busen,
Schön geschnürt, und es liegt das schwarze Mieder ihr knapp an;Sauber hat sie den Saum des Hemdes zur Krause gefaltet,
Die ihr das Kinn umgiebt, das runde, mit reinlicher Anmuth;Frei und heiter zeigt sich des Kopfes zierliches Eirund;
Stark sind vielmal die Zöpfe um silberne Nadeln gewickelt,Bielgefaltet und blau fängt unter dem Lätze der Rock an,
Und umschlägt ihr im Gehn die wohlgebildeten Knöchel.
Doch das will ich Euch sagen, und noch mir ausdrücklich erbitten:Redet nicht mit dem Mädchen, und laßt nicht merken die Absicht,Sondern befraget die andern, und hört, was sie alles erzählen.Habt Ihr Nachricht genug, zu beruhigen Vater und Mutter,Kehret zu mir dann zurück, und wir bedenken das Weitre.
Also dacht' ich mir's aus, den Weg her, den wir gefahren.
Also sprach er. Es gingen darauf die Freunde dem Dorf zu,Wo in Gärten und Scheunen und Häusern die Menge vonMenschen
Wimmelte, Karrn an Karrn die breite Straße dahin stand.Männer versorgten das brüllende Vieh und die Pferd' an denWagen:
Wäsche trockneten emsig auf allen Hecken die Weiber,
Und es ergötzten die Kinder sich plätschernd im Wasser des Baches.Also durch die Wagen sich drängend, durch Menschen und Thiere,Sahen sie rechts und links sich um, die gesendeten Späher,
Ob sie nicht etwa das Bild des bezeichneten Mädchens erblickten;Aber keine von allen erschien die herrliche Jungfrau.
Stärker fanden sie bald das Gedränge. Da war um die WagenStreit der drohenden Männer, worein sich mischten die Weiber,Schreiend. Da nahte sich schnell mit würdigen Schritten einAlter,
Trat zu den Scheltenden hin; und sogleich verklang das Getöse,Als er Ruhe gebot, und väterlich ernst sie bedrohet.
Hat uns, rief er, noch nicht das Unglück also gebändigt,
Daß wir endlich verstehn, uns unter einander zu duldenUnd zu vertragen, wenn auch nicht jeder die Handlungen abmißt?Unverträglich fürwahr ist der Glückliche! Werden die LeidenEndlich euch lehren, nicht mehr, wie sonst, mit dem Bruder zuhadern?
Gönnet einander den Platz auf fremdem Boden, und theiletWas ihr habet, zusammen, damit ihr Barmherzigkeit findet.
Also sagte der Mann, und alle schwiegen; verträglichOrdneten Vieh und Wagen die wieder besänftigten Menschen.Als der Geistliche nun die Rede des Mannes vernommen,
Und den ruhigen Sinn des fremden Richters entdeckte,
Trat er au ihn heran, und sprach die bedeutenden Worte:
Vater, fürwahr! wenn das Volk in glücklichen Tagen dahin lebt,Von der Erde sich nährend, die weit und breit sich aufthut,
Und die erwünschten Gaben in Jahren und Monden erneuert,Da geht alles von selbst, und jeder ist sich der Klügste,