Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Hermann und Dorothea.

Wie der Beste; und so bestehen sie neben einander,

Und der vernünftigste Mann ist wie ein andrer gehalten:

Denn was alles geschieht, geht still, wie von selber, den Gangfort.

Aber zerrüttet die Noth die gewöhnlichen Wege des Lebens,Reißt das Gebäude nieder, und wühlet Garten und Saat um,Treibt den Mann und das Weib vom Raume der traulichenWohnung,

Schleppt in die Irre sie fort, durch ängstliche Tage und Nächte:Ach! da sieht man sich um, wer wohl der verständigste Mann sey.Und er redet nicht mehr die herrlichen Worte vergebens.

Sagt mir, Vater, Ihr seyd gewiß der Richter von diesenFlüchtigen Männern, der Ihr sogleich die Gemüther beruhigt?Ja, Ihr erscheint mir heut' als einer der ältesten Führer,

Die durch Wüsten und Irren vertriebene Völker geleitet.

Denk' ich doch eben, ich rede mit Josua oder mit Moses.

Und es versetzte darauf mit ernstem Blicke der Richter:Wahrlich unsere Zeit vergleicht sich den seltensten Zeiten,

Die die Geschichte bemerkt, die heilige wie die gemeine.

Denn wer gestern und heut' in diesen Tagen gelebt hat,

Hat schon Jahre gelebt: so drängen sich alle Geschichten.

Denk' ich ein wenig zurück, so scheint mir ein graues AlterAus dem Haupte zu liegen, und doch ist die Kraft noch lebendig.O, wir anderen dürfen uns wohl mit jenen vergleichen,

Denen in ernster Stund' erschien im feurigen BuscheGott der Herr; auch uns erschien er in Wolken und Feuer.

Als nun der Pfarrer darauf noch weiter zu sprechen geneigtwar

Und das Schicksal des Manns und der Seinen zu hören verlangte,Sagte behend der Gesährte mit heimlichen Worten in's Ohr ihm:Sprecht mit dem Richter nur fort, und bringt das Gespräch aufdas Mädchen,

Aber ich gehe herum, sie aufzusuchen, und komme

Wieder, sobald ich sie finde. Es nickte der Pfarrer dagegen,

Und durch die Hecken und Gärten und Scheunen suchte der Späher.

K l i 0.

Das Zeitalter.

Als nun der geistliche Herr den fremden Richter befragte,Was die Gemeine gelitten, wie lang sie von Hause vertrieben,Sagte der Mann darauf: Nicht kurz sind unsere Leiden;

Denn wir haben das Bittre der sämmtlichen Jahre getrunken,Schrecklicher, weil auch uns die schönste Hoffnung zerstört ward.Denn wer läugnet es wohl, daß hoch sich das Herz ihm erhoben,Ihm die freiere Brust mit reineren Pulsen geschlagen,

Als sich der erste Glanz der neuen Sonne heranhob,

Als man hörte vom Rechte der Menschen, das allen gemein sey,Von der begeisternden Freiheit und von der löblichen Gleichheit!Damals hoffte jeder sich selbst zu leben; es schien sichAuszulösen das Band, das viele Länder umstrickte,

Das der Müßiggang und der Eigennutz in der Hand hielt.Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden TagenNach der Hauptstadt der Welt, die es schon so lange gewesen,Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?

Waren nicht jener Männer, der ersten Verkünder der Botschaft,Namen den höchsten gleich, die unter die Sterne gesetzt sind?Wuchs nicht jeglichem Menschen der Muth und der Geist unddie Sprache?

Und wir waren zuerst, als Nachbarn, lebhaft entzündet.

Drauf begann der Krieg, und die Züge bewaffneter FrankenRückten näher; allein sie schienen nur Freundschaft zu bringen.Und die brachten sie auch: denn ihnen erhöht war die SeeleAllen; sie pflanzten mit Lust die munteren Bäume der Freiheit,Jedem das Seine versprechend, und jedein die eigne Regierung.Hoch erfreute sich da die Jugend, sich freute das Alter,

Und der muntere Tanz begann um die neue Standarte.

So gewannen sie bald, die überwiegenden Franken,

Erst der Männer Geist, mit feurigem, munterm Beginnen,Dann die Herzen der Weiber, mit unwiderstehlicher Anmuth.Leicht selbst schien uns der Druck des vielbedürfcnden Krieges;Denn die Hoffnung umschwebte vor unsern Augen die Ferne,Lockte die Blicke hinaus in neueröffnete Bahnen.

O, wie froh ist die Zeit, wenn mit der Braut sich der Bräut'gamSchwinget im Tanze, den Tag der gewünschten Verbindung er-wartend !

Aber herrlicher war die Zeit, in der uns das Höchste,

Was der Mensch sich denkt, als nah und erreichbar sich zeigte.Da war jedem die Zunge gelös't; es sprachen die Greise,Männer und Jünglinge laut voll hohen Sinns und Gefühles.Aber der Himmel trübte sich bald. Um den Vortheil der HerrschaftStritt ein verderbtes Geschlecht, unwürdig das Gute zu schaffen;Sie ermordeten sich und unterdrückten die neuenNachbarn und Brüder, und sandten die eigennützige Menge.Und es praßten bei uns die Obern, und raubten im Großen,Und es raubten und praßten bis zu dem Kleinsten die Kleinen;Jeder schien nur besorgt, es bleibe was übrig für morgen.Allzugroß war die Noth, und täglich wuchs die Bedrückung;Niemand vernahm das Geschrei, sie waren die Herren des Tages.Da fiel Kummer und Wuth auch selbst ein gelaßnes Gemüth an;Jeder sann nur und schwur, die Beleidigung alle zu rächen,

Und den bittern Verlust der doppelt betrogenen Hoffnung.

Und es wendete sich das Glück auf die Seite der Deutschen,

Und der Franke floh mit eiligen Märschen zurücke.

Ach, da fühlten wir erst das traurige Schicksal des Krieges!Denn der Sieger ist groß und gut; zum wenigsten scheint er's,Und er schonet den Mann, den besiegten, als wär' er der Seine,Wenn er ihm täglich nützt und mit den Gütern ihm dienet.

Aber der Flüchtige kennt kein Gesetz; denn er wehrt nur denTod ab,

Und verzehret nur schnell und ohne Rücksicht die Güter;

Dann ist sein Gemüth auch erhitzt, und es kehrt die VerzweiflungAus dem Herzen hervor das frevelhafte Beginnen.

Nichts ist heilig ihm mehr; er raubt es. Die wilde BegierdeDni gt mit Gewalt auf das Weib, und macht die Lust zum Ent-setzen.

Urknall sieht er den Tod, und genießt die letzten MinutenGnu,'am, freut sich des Bluts, und freut sich des heulendenJammers.