He,mann und Dorothea.
397
Erst die Thränen des Schmerzes, nnd nun die Thränen derFreude.
O, vergebt mir jenes Gefühl! vergebt mir auch dieses,
Und laßt nur mich in's Glück, das neu mir gegönnte, mich finden!Ja, der erste Verdruß, an dem ich Verworrene schuld war,
Sey der letzte zugleich! Wozu die Magd sich verpflichtet,
Treu, zu liebendem Dienst, den soll die Tochter euch leisten.
Und der Vater umarmte sie gleich, die Thränen verbergend.Traulich kam die Mutter herbei nnd küßte sie herzlich,
Schüttelte Hand in Hand; es schwiegen die weinenden Frauen.
Eilig faßte darauf der gute verständige PfarrherrErst des Vaters Hand und zog ihm vom Finger den Trauring,(Nicht so leicht; er war vom rundlichen Gliede gehalten)
Nahm den Ring der Mutter darauf und verlobte die Kinder;Sprach: Noch einmal sey der goldenen Reifen Bestimmung,
Fest ein Band zu knüpfen, das völlig gleiche dem alten.
Dieser Jüngling ist tief von der Liebe zum Mädchen durchdrungen,Und das Mädchen gesteht, daß auch ihr der Jüngling er-wünscht ist.
Also verlob' ich euch hier und fegn' euch künftigen Zeiten,
Mit dem Willen der Eltern und mit dem Zeugniß des Freundes.
Und es neigte sich gleich mit Segenswünschen der Nachbar.Aber als der geistliche Herr den goldenen Reif nunSteckt' an die Hand des Mädchens, erblickt' er den anderenstaunend,
Den schon Hermann zuvor am Brunnen sorglich betrachtet.
Und er sagte darauf mit freundlich scherzenden Worten:
Wie! du verlobest dich schon zum zweitenmal? Daß nicht der ersteBräutigam bei dem Altar sich zeige mit hinderndem Einspruch!
Aber sie sagte darauf: O, laßt mich dieser ErinnrungEinen Augenblick weihen! Denn wohl verdient sie der Gute,Der mir ihn scheidend gab und nicht zur Heimath zurückkam.Alles sah er voraus, als rasch die Liebe der Freiheit,
Als ihn die Lust, im neuen veränderten Wesen zu wirkenTrieb nach Paris zu gehn, dahin, wo er Kerker und Tod fand.Lebe glücklich! sagt' er. Ich gehe; denn alles bewegt sichJetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen.Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten,
Und es lös't der Besitz sich los vom alten Besitzer,
Freund sich los von Freund; so lös't sich Liebe von Liebe.
Ich verlasse dich hier; und, wo ich jemals dich wiederFinde — wer weiß es? Vielleicht sind diese Gespräche die letzten.Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hieraus Erden;
Mehr ein Fremdling als jemals ist nun ein jeder geworden.
Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze;
Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen;
Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärtsLösen in Chaos und Nacht sich auf und neu sich gestalten.
Du bewahrst mir dein Herz; und finden dereinst wir uns wiederUeber den Trümmern der Welt, so sind wir erneute Geschöpfs,Umgebildet und frei und unabhängig vom Schicksal.
Denn was fesselte den, der solche Tage durchlebt hat!
Aber soll es nicht seyn, daß je wir, aus diesen GefahrenGlücklich entronnen, uns einst mit Freuden wieder umfangen,O, so erhalte mein schwebendes Bild vor deinen Gedanken,
Daß du mit gleichem Muthe zu Glück und Unglück bereit seyst!Locket neue Wohnung dich an und neue Verbindung,
So genieße mit Dank, was dann dir das Schicksal bereitet.
Liebe die Liebenden rein und halte dem Guten dich dankbar.
Aber dann auch setze nur leicht den beweglichen Fuß auf;
Denn es lauert der doppelte Schmerz des neuen Verlustes.Heilig sey dir der Tag; doch schätze das Leben nicht höherAls ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.
Also sprach er — und nie erschien der Edle mir wieder.
Alles verlor ich indeß, und tausendmal dacht' ich der Warnung.Nun auch denk' ich des Worts, da schön mir die Liebe das Glück hierNeu bereitet und mir die herrlichsten Hoffnungen ausschließt.
O, verzeih', mein trefflicher Freund, daß ich, selbst an dem Arm dichHaltend, bebe! So scheint dem endlich gelandeten SchifferAuch der sicherste Grund des festesten Bodens zu schwanken.
Also sprach sie, und steckte die Ringe neben einander.
Aber der Bräutigam sprach, mit edler männlicher Rührung:Desto fester sey, bei der allgemeinen Erschüttrung,
Dorothea, der Bund! Wir wollen halten und dauern,
Fest uns halten und fest der schönen Güter Besitzthum.
Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankendgesinnt ist,
Der vermehret das Uebel, und breitet es weiter und weiter;Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich.Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche BewegungFortzuleiten, und auch zu wanken hierhin und dorthin.
Dieß ist unser! so laß uns sagen und so es behaupten!
Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen,^Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und KinderStritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen.
Du bist mein; und nun ist das Meine meiner als jemals.
Nicht mit Kummer will ich's bewahren und sorgend genießen,Sondern mit Muth und Kraft. Und drohen dießmal die Feinde,Oder künftig, so rüste mich selbst und reiche die Waffen.
Weiß ich durch dich nur versorgt das Haus und die liebendenEltern,
O, so stellt sich die Brust dem Feinde sicher entgegen.
Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht aufGegen die Macht, und wir ersreuten uns alle des Friedens.