Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
JPEG-Download
 

Reineke Fuchs.

L09

Vollauf hatte der Braune zu thun, so stark er und kühn war,Und so hielt der Neffe mit List den Oheim gefangen.

Heulend plärrte der Bär, und mit den hintersten FüßenScharrt' er grimmig und lärmte so sehr, daß Rüsteviel aufsprang.Was es wäre, dachte der Meister, und brachte sein Beil mit,Daß man bewaffnet ihn fände, wenn jemand zu schaden gedächte.

Braun befand sich indeß in großen Aengsten; die SpalteKlemmt' ihn gewaltig, erzog und zerrte brüllend vor Schmerzen,Aber mit alle der Pein war nichts gewonnen; er glaubteNimmer von bannen zu kommen; so meint' auch Reineke freudig.Als er Rüsteviel sah von ferne schreiten, da rief er:

Braun, wie steht es? Mäßiget euch und schonet des Honigs!Sagt, wie schmeckt es? Rüsteviel kommt und will euch bewirthen;Nach der Mahlzeit bringt er ein Schlückchen; es mag euch be-kommen !

Da ging Reineke wieder nach Malepartus, der Beste.

Aber Rüsteviel kam und als er den Bären erblickte,

Lief er, die Bauern zu rufen, die noch in der Schenke beisammenSchmauseten. Kommt! so rief er; in meinem Hofe gefangenHat sich ein Bär; ich sage die Wahrheit. Sie folgten und liefen,Jeder bewehrte sich eilig, so gut er konnte. Der eineNahm die Gabel zur Hand, und seinen Rechen der andre,

Und der dritte, der vierte, mit Spieß und Hacke bewaffnet,Kamen gesprungen, der sünfte mit einem Pfahle gerüstet.

Ja, der Pfarrerund Küster, sie kamen mit ihrem Geräthe.Auch die Köchin des Pfaffen (sie hieß Frau Jutte, sie konnteGrütze bereiten und kochen wie keine) blieb nicht dahinten,

Kam mit dem Rocken gelaufen, bei dem sie am Tage gesessen,Dem unglücklichen Bären den Pelz zu waschen. Der BrauneHörte den wachsenden Lärm in seinen schrecklichen Nöthen,

Und er riß mit Gewalt das Haupt aus der Spalte; da bliebihm

Haut uud Haar des Gesichts bis zu den Ohren im Baume.Nein! kein kläglicher Thier hat jemand gesehen! es rieselt'

Ueber die Ohren das Blut. Was half ihm das Haupt zu be-freien?

Denn es blieben die Pfoten im Baume stecken; da riß erHastig sie ruckend heraus; er ras'te sinnlos, die Klauen,

Und von den Füßen das Fell blieb in der klemmenden Spalte.Leider schmeckte dieß nicht nach süßem Honig, wozu ihmReineke Hoffnung gemacht; die Reise war übel gerathen,

Eine sorgliche Fahrt war Braunen geworden. Es blutet'

Ihm der Bart und die Füße dazu, er konnte nicht stehen,Konnte nicht kriechen, noch gehn. Und Rüsteviel eilte zu schlagen;Alle fielen ihn an, die mit dem Meister gekommen;

Ihn zu todten war ihr Begehr. Es führte der PaterEinen langen Stab in der Hand und schlug ihn von ferne.Kümmerlich wandt' er sich hin und her, es drängt' ihn derHausen,Einige hier mit Spießen, dort andre mit Beilen, es brachteHammer und Zange der Schmied, es kamen andre mit Schaufeln,Andre mit Spaten, sie schlugen drauf los und riefen und schlugen,Daß er vor schmerzlicher Angst in eignem Unflath sich wälzte.Alle setzten ihm zu, es blieb auch keiner dahinten.

Der krummbeinige Schlappe mit dem breitnasigen LudolfWaren die schlimmsten, und Gerold bewegte den hölzernen FlegelZwischen den krummen Fingern; ihm stand sein Schwager zurSeite,

Kückelrei war es, der dicke, die beiden schlugen am meisten.

Abel Quack und Frau Jutte dazu, sie ließen's nicht fehlen;Talke Lorden Quacks traf mit der Butte den Armen.

Und nicht diese genannten allein; denn Männer und Weiber,Alle liefen herzu und wollten das Leben des Bären.

Kückelrei machte das meiste Geschrei, er dünkte sich vornehm:Denn Frau Willigetrud am Hinteren Thore (man wußt' es)War die Mutter, bekannt war nie sein Vater geworden;

Doch es meinten die Bauern, der Stoppelmäher, der schwarzeSander, sagten sie, möcht' es wohl seyn, ein stolzer Geselle,Wenn er allein war. Es kamen auch Steine gewaltig geflogen,Die den verzweifelten Braunen von allen Seiten bedrängten.Nur sprang Rüsteviel's Bruder hervor und schlug mit dem langen,Dicken Knüttel den Bären auf's Haupt, daß Hören und SehenIhm verging, doch fuhr er empor vom mächtigen Schlage.Rasend fuhr er unter die Weiber, die unter einanderTaumelten, sielen und schrien, und einige stürzten in's Wasser:Und das Wasser war tief. Da rief der Pater und sagte:

Sehet, da unten schwimmt Frau Jutte, die Köchin, im Pelze,Und der Rocken ist hier! O helft, ihr Männer! Ich gebeBier zwei Tonnen zum Lohn und großen Ablaß und Gnade.Alle ließen für todt den Bären liegen und eiltenNach den Weibern an's Wasser, man zog auf's Trockne die fünfe.Da indessen die Männer am Ufer beschäftiget waren,

Kroch der Bär in's Wasser vor großem Elend und brummteVor entsetzlichem Weh. Er wollte sich lieber ersäufen,

Als die Schläge so schändlich erdulden. Er hatte zu schwimmenNie versucht und hoffte sogleich das Leben zu enden.

Wider Vermuthen fühlt' er sich schwimmen, und glücklich getragenWard er vom Wasser hinab; es sahen ihn alle die Bauern,Riefen: Das wird uns gewiß zur ewigen Schande gereichen!Und sie waren verdrießlich, und schalten über die Weiber:Besser blieben sie doch zu Hause! da seht nun, er schwimmetSeiner Wege. Sie traten herzu, den Block zu besehen,

Und sie fanden darin noch Haut und Haare vom KopfeUnd von den Füßen, und lachten darob und riefen: Du kommstuns

Sicher wieder; behalten wir doch die Ohren zum Pfande!

So verhöhnten sie ihn noch über den Schaden, doch war erFroh, daß er nur dem Uebel entging. Er fluchte den Bauern,Die ihn geschlagen, und klagte den Schmerz der Ohren undFüße;

Fluchte Reineken, der ihn verrieth. Mit solchen GebetenSchwamm er weiter, es trieb ihn der Strom, der reißend undgroß war,

Binnen weniger Zeit fast eine Meile hinunter;

Und da kroch er an's Land am selbigen Ufer und leichte.

Kein bedingteres Thier hat je die Sonne gesehen!

Und er dachte den Morgen nicht zu erleben, er glaubtePlötzlich zu sterben und rief: O Reineke, falscher Verräther!Loses Geschöpf! Er dachte dabei der schlagenden Bauern,

Und er dachte des Baums und fluchte Reinekens Listen.

Aber Reineke Fuchs, nachdem er mit gutem BedachteSeinen Oheim zu Markte geführt, ihm Honig zu schaffen,

Lief er nach Hühnern, er wußte den Ort, und schnappte sicheines,

Lief und schleppte die Beute behend am Flusse hinunter.