Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Reineke Fuchs.

Die mir das Schlimmste gedachten. Am meisten lärmte der Pfaffe:Welch ein verwegener Dieb! Er nahm das Huhn mir vomTische!

Und so lief ich voraus, bis zu dem Speicher, da ließ ichWider Willen das Huhn zur Erde fallen, es ward mirEndlich leider zu schwer; und so verlor mich die Menge.

Aber sie fanden das Huhn, und da der Pater es aufhub,

Ward er des Wolfes im Speicher gewahr, es sah ihn der Haufen.Allen rief der Pater nun zu: Hieher nur! und trefft ihn!

Uns ist ein anderer Dieb, ein Wolf, in die Hände gefallen!Käm' er davon, wir wären beschimpft; es lachte wahrhaftigAlles auf unsre Kosten im ganzen Jitlicher Lande.

Was er nur konnte, dachte der Wolf. Da regnet' es SchlägeHierher und dorther ihm über den Leib und schmerzliche Wunden.Alle schrien, so laut sie konnten; die übrigen BauernLiesen zusammen und streckten für todt ihn zur Erde darnieder.Größeres Weh geschah ihm noch nie, so lang er auch lebte.Malt' es einer auf Leinwand, es wäre seltsam zu sehen,

Wie er dem Pfaffen den Speck und seine Schinken bezahlte.

Auf die Straße warfen sie ihn und schleppten ihn eiligUeber Stock und Stein; es war kein Leben zu spüren.

Und er hatte sich unrein gemacht, da warf man mit AbscheuVor das Dorf ihn hinaus; er lag in schlammiger Grube;

Denn sie glaubten ihn todt. In solcher schmählichen OhnmachtBlieb er, ich weiß nicht wie lange, bevor er sein Elend gewahrward.

Wie er noch endlich entkommen, das hab' ich niemals erfahren.Und doch schwur er hernach (es kann ein Jahr seyn), mir immerTreu und gewärtig zu bleiben; nur hat es nicht lange gedauert.Denn warum er mir schwur, das konnt' ich leichtlich begreifen:Gerne hätt' er einmal sich satt an Hühnern gegessen.

Und damit ich ihn tüchtig betröge, beschrieb ich ihm ernstlichEinen Balken, auf dem sich ein Hahn des Abends gewöhnlichNeben sieben Hühnern zu setzen Pflegte. Da führt' ichIhn im Stillen bei Nacht; es hatte Zwölfe geschlagen.

Und der Laden des Fensters, mit leichter Latte gestiitzet,

Stand (ich wußt' es) noch offen. Ich that, als wollt' ich hineingehn;

Aber ich schmiegte mich an und ließ dem Oheim den Vortritt.Gehet frei nur hinein! so sagt' ich. Wollt ihr gewinnen,

Seyd geschäftig, es gilt! ihr findet gemästete Hennen.

Gar bedächtig kroch er hinein und tastete leise

Hier- und dahin, und sagte zuletzt mit zornigen Worten:

O wie führt ihr mich schlecht! ich finde wahrlich von HühnernKeine Feder. Ich sprach: Die vorne pflegten zu sitzen,

Hab' ich selber geholt, die andern sitzen dahinten.

Geht nur unverdrossen voran und tretet behutsam!

Freilich der Balken war schmal, auf dem wir gingen. Ich ließ ihnImmer voraus, und hielt mich zurück, und druckte mich rückwärtsWieder zum Fenster hinaus, und zog am Holze; der LadenSchlug und klappte, das fuhr dem Wels in die Glieder undschreckt' ihn;

Zitternd plumpt' er hinab vom schmalen Balken zur Erde.

Und erschrocken erwachten die Leute, sie schliefen am Feuer.Sagt, was fiel zum Fenster herein? so riefen sie alle,

Rafften behende sich auf, und eilig brannte die Lampe.

In der Ecke fanden sie ihn und schlugen und gerbtenIhm gewaltig das Fell; mich wundert, wie er entkommen.

Weiter bekenn' ich vor euch, daß ich Frau Gieremund heimlichOefters besucht und öffentlich auch. Das hätte nun freilichUnterbleiben sollen; o wär' es niemals geschehen!

Denn so lange sie lebt, verwindet sie schwerlich die Schande.Alles hab' ich euch jetzt gebeichtet, dessen ich irgendMich zu erinnern vermag, was meine Seele beschweret.Sprechet mich los! ich bitte darum; ich werde mit DemuthJede Buße vollbringen, die schwerste, die ihr mir auflegt.

Grimbart wußte sich schon in solchen Fällen zu nehmen.Brach ein Reischen am Wege, dann sprach er: Oheim, nunschlagt euch

Dreimal über den Rücken mit diesem Reischen und legt es,

Wie ich's euch zeige, zur Erde, und springet dreimal darüber;Dann mit Sanftmuth küsset das Reis und zeigt euch gehorsam.Solche Buße leg' ich euch auf, und spreche von allenSünden und allen Strafen euch los und ledig, vergeb' euchAlles im Namen des Herrn, so viel ihr immer begangen.

Und als Reineke nun die Buße willig vollendet,

Sagte Grimbart: Lasset an guten Werken, mein Oheim,

Eure Besserung spüren und leset Psalmen, besuchetFleißig die Kirchen und fastet an rechten gebotenen Tagen;

Wer euch fraget, dem weiset den Weg, und gebet den ArmenGern, und schwöret mir zu, das böse Leben zu lassen,

Alles Rauben und Stehlen, Verrath und böse Verführung,Und so ist es gewiß, daß ihr zu Gnaden gelanget.

Reineke sprach: So will ich es thun, so sey es geschworen!Und so war die Beichte vollendet. Da gingen sie weiterNach des Königes Hof. Der fromme Grimbart und jenerKamen durch schwärzliche, fette Gebreite; sie sahen ein KlosterRechter Hand des Weges; es dienten geistliche Frauen,

Spat und früh, dem Herrn daselbst, und nährten im HofeViele Hühner und Hähne, mit manchem schönen Eapaune,Welche nach Futter zuweilen sich außer der Mauer zerstreuten.Reineke Pflegte sie oft zu besuchen. Da sagt' er zu Grimbart:Unser kürzester Weg geht an der Mauer vorüber;

Aber er meinte die Hühner, wie sie im Freien spazierten.Seinen Beichtiger führt' er dahin, sie nahten den Hühnern;

Da verdrehte der Schalk die gierigen Augen im Kopfe.

Ja vor allen gefiel ihm ein Hahn, der, jung und gemästet,Hinter den andern spazierte: den faßt' er treulich in's Auge,Hastig sprang er hinter ihm drein; es stoben die Federn.

Aber Grimbart entrüstet verwies ihm den schändlichenRückfall:

Handelt ihr so, unseliger Oheim, und wollt ihr schon wiederUm ein Huhn in Sünde gerathen, nachdem ihr gebeichtet?Schöne Reue heiß' ich mir das! Und Reineke sagte:

Hab' ich es doch in Gedanken gethan! O theuerster Oheim,Bittet zu Gott, er möge die Sünde mir gnädig vergeben!Nimmer thu' ich es wieder und lass' es gerne. Sie kamenUm das Kloster herum in ihre Straße, sie mußtenUeber ein schmales Brückchen hinüber, und Reineke blickteWieder nach den Hühnern zurück; er zwang sich vergebens.Hätte jemand das Haupt ihm abgeschlagen, es wäreNach den Hühnern geflogen; so heftig war die Begierde.