Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Faust.

Mit segenduftenden SchwingenVoni Himmel durch die Erde dringen,

Harmonisch all das All dnrchklingcn!

Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!

Wo fass' ich dich, unendliche Natur?

Euch, Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,

An denen Himmel und Erde hängt,

Dahin die welke Brust sich drängt

Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht' ich so vergebens?

(Er schlügt unwillig das Buch um, und erblickt das Zeicht» de»Erdgeistes. >

Wie anders wirkt dieß Zeichen aus mich ei»!

Du, Geist der Erde, bist mir näher;

Schon fühl' ich meine Kräfte höher,

Schon glüh' ich wie von neuem Wein;

Ich sichle Muth, mich in die Welt zu wagen,

Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,

Mit Stürmen mich herumzuschlagen,

Und in des Schifsbruchs Knirschen nicht zu zagen.

Es wölkt sich über mir

Der Mond verbirgt sein Licht

Die Lampe schwindet!

Es dampft! Es zucken rothe StrahlenMir um das Haupt! Es wehtEin Schauer vom Gcwölb' herab,

Und saßt mich an!

Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist!Enthülle dich!

Ha! wie's in meinem Herzen reißt!

Zu neuen Gefühlen

All' meine Sinne sich crwühlcn!

Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!

Du mußt! du mußt! und kostet' es mein Leben!

(Er saß, das Buch, und spricht das Zeichen des Gc.stcs geheimniß-rvlt aus. Es zuckt eine rvthliche Flamme, der Geist erscheint inder Flamme.)

Geist.

Wer ruft mir?

Füllst (abgewendet).

Schreckliches Gesicht!

Seist.

Du hast mich mächtig angezogen,

An meiner Sphäre lang gesogen,

Und nun

Faust.

Weh! ich ertrag' dich nicht!

Geist.

Du flehst erathmend, mich zu schauen,

Meine Stimme zn hören, mein Antlitz zn sehn;

Mich neigt dein mächtig Seelenflchn,

Da bin ich! Welch erbärmlich GrauenFaßt Uebermcnschen dich! Wo ist der Seele Nus?

Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschns,

Und trug und hegte, die mit FrendebebenErschwoll, sich uns, den Geistern, gleich zu heben?

Wo bist du, Faust, deß Stimme mir erklang,

Der sich an mich mit allen Kräften drang?

Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,

In allen Lebenstiefen zittert,

Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!

Faust.

Soll ich dir, Flammenbildung, weichen?

Ich bin's, bin Faust, bin deines Gleichen!

Seist.

In Lebensfluthen, im ThatensturmWall' ich auf und ab,

Webe hin und her!

Geburt und Grab,

Ein ewiges Meer,

Ein wechselnd Weben,

Ein glühend Leben,

So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit,

Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Faust.

Der du die weite Welt umschweifst,

Geschäftiger Geist, wie nah fühl' ich mich dir!

Seist.

Du gleichst dem Geist, den du begreifst,

Nicht mir!

(Verschwindet.)

Faust (zusammenstürzend).

Nicht dir?

Wem denn?

Ich, Ebenbild der Gottheit!

Und nicht einmal dir!

(Es klopft.)

O Tod ich kenn's das ist mein Famulus!

Es wird mein schönstes Glück zu nichte!

Daß diese Fülle der GesichteDer trockne Schleicher stören muß!

Wagner im Schlafrecks und der Nachtmütze, eine Lampe in derHand. Faust wendet sich unwillig.

Wagner.

Verzeiht, ich hör' euch declamiren;

Ihr las't gewiß ein Griechisch Trauerspiel?

In dieser Kunst möcht' ich was profitiren;

Denn heut zu Tage wirkt das viel.

Ich hab' es öfters rühmen hören,

Ein Komödiant könnt' einen Pfarrer lehren.

Fan st.

Ja, wenn der Pfarrer ein Komödiant ist;

Wie das denn wohl zn Zeiten kommen mag.

Wagucr.

Ach! wenn man so in sein Museum gebannt ist,

Und sieht die Welt kaum einen Feiertag,

Kaum durch ein Fernglas, nur von weiten,

Wie soll inan sie durch lkeberredung leiten?

Faust.

Wenn ihr'S nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen,Wenn es nicht aus der Seele dringt,

Und mit urkräftigem BehagenDie Herze» aller Hörer zwingt.

Sitzt ihr nur immer, leimt zusammen,

Braut ein Ragout von andrer Schmaus,