Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zweiter Theil.

457

Verstrahlend Blitze durch das Dunkel.

Ein Helles weißes Licht erscheint!

O daß ich's dießmal nicht verliere!

Ach Gott! was rasselt an der Thiire?

Mephistopheles (eintretend).

Willkommen! es ist gut gemeint.

Wagner (ängstlich).

Willkommen zu dem Stern der Stunde!

(Leise.)

Doch haltet Wort und Athem fest im Munde!

Ein herrlich Werk ist gleich zu Stand gebracht.

Mcphlstophclcs (leiser).

Was giebt es denn?

Wagner (leiser)

Es wird ein Mensch gemacht.Mephistopheles.

Ein Mensch? Und welch verliebtes PaarHabt ihr in's Rauchloch eingeschlossen?

Wagner.

Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,Erklären wir für eitel Possen.

Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,

Die holde Kraft, die aus dem Innern drangUnd nahm und gab, bestimmt, sich selbst zu zeichnen,Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,

Die ist von ihrer Würde nun entsetzt!

Wenn sich das Thier noch weiter dran ergötzt,

So inuß der Mensch mit seinen großen GabenDoch künftig reinern, höhern Ursprung haben.

(Zum Herd gewendet.)

Es leuchtet! seht! Nun läßt sich wirklich hoffen,Daß, wenn wir aus viel hundert StoffenDurch Mischung denn auf Mischung kommt es an -Den Menschenstoff gemächlich componiren,

In einen Kolben verlutirenUnd ihn gehörig cohobiren,

So ist das Werk im Stillen abgethan.

(Wieder zum Herd gewendet.)

Es wird! die Masse regt sich klarer!

Die Ueberzeugung wahrer, wahrer!

Was man an der Natur Geheimnißvolles pries,

Das wagen wir verständig zu probiren,

Und was sie sonst organisiren ließ,

Das lassen wir krystallisiren.

Mephijkopheleg.

Wer lange lebt, hat viel erfahren;

Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn:Ich habe schon in meinen WanderjahrenKrystallisirtes Menschenvolk gesehn.

Wagner

(bisher immer aufmerksam auf die Phiole).

Es steigt, es blitzt, es häuft sich an!

Im Augenblick ist es gethan!

Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;

Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,

Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,

Wird künftig auch ein Denker machen.

(Entzückt die Phiole betrachtend.)

Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt;

Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!

Ich seh' in zierlicher GestaltEin artig Männlein sich geberden.

Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?

Denn das Geheimniß liegt am Tage;

Gebt diesem Laute nur Gehör,

Er wird zur Stimme, wird zur Sprache.

Homunciilus(in der Phiole zu Wagner).

Nun, Väterchen! wie steht's! es war kein Scherz!Komm', drücke mich recht zärtlich an dein Herz!

Doch nicht zu fest, damit das Glas nicht springe!

Das ist die Eigenschaft der Dinge:

Natürlichem genügt das Weltall kaum;

Was künstlich ist, verlangt geschloßnen Raum.

(Zu Mephistovheles.)

Du aber, Schalk, Herr Vetter, bist du hier?

Im rechten Augenblick! ich danke dir.

Ein gut Geschick führt dich zu uns herein;

Dieweil ich bin, muß ich auch thätig seyn.

Ich möchte mich sogleich zur Arbeit schürzen;

Du bist gewandt, die Wege mir zu kürzen.

Wagner.

Nur noch ein Wort! Bisher mußt' ich mich schämen,Denn Alt und Jung bestürmt mich mit Problemen.Zum Beispiel nur, noch niemand konnt' es fassen,

Wie Seel' und Leib so schön zusammenpassen,

So fest sich halten, als um nie zu scheiden,

Und doch den Tag sich immerfort verleiden.

Sodann

Mephisiopheles.

Halt' ein! ich wollte lieber fragen,

Warum sich Mann und Frau so schlecht vertragen?

Du kommst, mein Freund, hierüber nie in's Reine.Hier giebt's zu thun; das eben will der Kleine.

Homunrulus.

Was giebt's zu thun?

McPhijtophelcs

(auf eine Scitenthüre beulend).

Hier zeige deine Gabe!

Wagner

(immer in die Phiole schauend).

Fürwahr, du bist ein allerliebster Knabe!

(Tie Seitenthüre öffnet sich; man steht Sausten auf dem Lager hin-gestreckt.)

Homnncnlus (erstaunt).

Bedeutend!

(Die Phiole entschlüpft aus Wagner'S Händen, schwebt über Faustund beleuchtet ihn.)

Schön umgeben! Klar GewässerIm dichten Haine; Frau'n, die sich entkleiden,

Die allerliebsten! das wird immer besser.

Doch eine läßt sich glänzend unterscheiden,

Aus höchstem Helden-, Wohl aus Götterstamme.

Sie setzt den Fuß in das durchsichtige Helle;

Des edeln Körpers holde LebensflammeKühlt sich im schmiegsamen Krystall der Welle.