Mehrbändiges Buch 
Goethe's sämmtliche Werke : Vollständige Ausgabe in sechs Bänden
Entstehung
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Zweiter Theil.

463

Er sucht bescheiden auszuweichen,

Und thut, als gab' es seines Gleichen.

Chiron.

Du scheinest mir geschickt, zu heucheln,

Dem Fiirsten wie dem Volk zu schmeicheln.

Faust.

So wirst du mir denn doch gestehn,

Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,

Dem Edelsten in Thaten nachgestrebt,Halbgöttlich-ernst die Tage durchgelebt.

Doch unter den heroischen Gestalten,

Wen hast du für den Tüchtigsten gehalten?

Chiron.

Im hehren Argonauteukreise

War jeder brav nach seiner eignen Weise,

Und, nach der Kraft, die ihn beseelte,

Konnt' er genügen, wo's den andern fehlte.

Die Dioskuren haben stets gesiegt,

Wo Jugendstil!' und Schönheit überwiegt.

Entschluß und schnelle That zu andrer Heil,

Den Boreaden ward's zum schönen Theil.Nachsinnend, kräftig, klug, im Rath bequem.

So herrschte Jason, Frauen angenehm.

Dann Orpheus, zart und immer still bedächtig,Schlug er die Leier, allen übermächtig.

Scharfsichtig Lynkeus, der, bei Tag und Nacht,

Das heilige Schiff durch Klipp' und Strand gebracht.Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:

Wenn einer wirkt, die andern alle loben.

Faust.

Von Hercules willst nichts erwähnen?

Chiron.

O weh! errege nicht mein Sehnen!...

Ich hatte Phöbus nie gesehn,

Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;

Da sah ich mir vor Augen stehn,

Was alle Menschen göttlich preisen.

So war er ein geborner König,

Als Jüngling herrlichst anzuschau'n;

Dem ältern Bruder unterthänigUnd auch den allerliebsten Frau'n.

Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder.

Nicht führt ihn Hebe himmelein;

Vergebens mühen sich die Lieder,

Vergebens quälen sie den Stein.

Faust.

So sehr auch Bildner aus ihn pochen,

So herrlich kam er nie zur Schau.

Vom schönsten Mann hast du gesprochen,

Nun sprich auch von der schönsten Frau!

Chiron.

Was! . . Frauenschönheit will nichts heißen;

Ist gar zu oft ein starres Bild;

Nur solch ein Wesen kann ich Preisen,

Das froh und lebenslustig quillt.

Die Schöne bleibt sich selber selig;

Die Anmuth macht unwiderstehlich,

Wie Helena, da ich sie trug.

Faust.

Du trugst sie?

Chiron.

Ja, auf diesem Rücken.

Faust.

Bin ich nicht schon verwirrt genug?

Und solch ein Sitz muß mich beglücken!

Chiron.

Sie faßte so mich in das Haar,

Wie du es thust.

Faust.

O ganz und garVerlier' ich mich! Erzähle wie?

Sie ist mein einziges Begehren!

Woher, wohin, ach! trugst du sie?

Chiron.

Die Frage läßt sich leicht gewähren.

Die Dioskuren hatten jener Zeit

Das Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.

Doch diese, nicht gewohnt besiegt zu seyn,

Ermannten sich und stürmten hinterdrein.

Da hielten der Geschwister eiligen LaufDie Sümpfe bei Eleusis auf;

Die Brüder wateten, ich Patschte, schwamm hinüber;

Da sprang sie ab und streichelte

Die feuchte Mähne, schmeichelte

Und dankte lieblich-klug und selbstbewußt.

Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!

Faust.

Erst sieben Jahr!...

Chiro«.

Ich seh' die Philologen,

Sie haben dich, so wie sich selbst betrogen.

Ganz eigen ist's mit mythologischer Frau:

Der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau;Nie wird sie mündig, wird nicht alt,

Stets appetitlicher Gestalt;

Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;

G'nug, den Poeten bindet keine Zeit.

Faust.

So sey auch sie durch keine Zeit gebunden!

Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,

Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:Errungen Liebe gegen das Geschick!

Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,

Jn's Leben ziehn die einzigste Gestalt,

Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,

So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?

Du sahst sie einst; heut hab' ich sie gesehn,

So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.

Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.

Chiron.

Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.

Nun trifft sich's hier zu deinem Glücke;

Denn alle Jahr', nur wenig Augenblicke,

Pfleg' ich bei Manto vorzutreten,